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Die wilden Detektive
Rezensionen Anonymous schreibt "

Die wilden Detektive
Roberto Bolaño
688 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Hanser – Aus 3/2002
ISBN: 3-4462-0125-5
29,90 €uro

784 Seiten – Taschenbuch
Verlag: DTB – Aus 3/2004
ISBN: 3-4231-3182-9
12,90 €uro

Antiquarisch billiger

Pro:
Ein humor -  und fantasievolles Werk voller literarischer Raffinesse
Kontra:
Fast 700 Seiten wollen gelesen (und verstanden) werden


Detektive zu entdecken

Erinnerungen. Es gibt kaum ein anderes Wort, dessen Bedeutung jeder Mensch so genau zu kennen glaubt. Doch schon dieser erste Satz wird genügen, damit bei den Lesenden der Verdacht aufkeimt, dass klammheimlich gehegte Befürchtungen richtig sein könnten und wir doch nicht so ganz genau wissen, was es bedeutet sich zu erinnern; zu oft haben wir uns schon beim Erinnern geirrt. Das ist natürlich ein Problem, denn unser gesamtes Menschsein hängt an der Erinnerungs-Fähigkeit… oder etwas kleiner gewechselt, ich werde doch genau wissen, was ich in meinem Leben erlebt habe.

Sicher, alle Erlebnisse innerhalb eines menschlichen Lebens machen die Erinnerungen aus; aber eben nicht nur. Einige Erinnerungen – und ich spreche nicht von den großen Erinnerungen, die man gemeinhin Geschichte nennt – stammen nicht von uns persönlich, sondern wurden uns von anderen Menschen gemacht; z.B. Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Und tatsächlich gibt es einen Bereich der Gedächtnisforschung, der sich mit dem Thema Erinnerungs(ver)fälschung beschäftigt und der das unabsichtliche Verfälschen eigener Gedächtnisinhalte untersucht.
Natürlich sind hier keine bewussten Falschaussagen (also Lügen) gemeint, sondern Aussagen die wir selbst für richtig halten. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Pseudoerinnerungen. Hiermit handelt es sich um Ereignisse, die uns eingeredet wurden, die aber nicht selbst erlebt haben. Das wurde sogar mit psychologischen Experimenten nachgewiesen: z.B. erzählte man Probanden, dass Verwandte von ihnen berichten hätten, dass sie sich in der Kindheit in einem Einkaufszentrum verlaufen hätten und schließlich gänzlich verängstigt gerettet wurden. Eine signifikante Zahl der Probanden behauptete, sich daran erinnern zu können, obwohl dieses Ereignis nie stattgefunden hatte.
Seit mir diese Dinge bekannt geworden sind, habe ich mich schon oft gefragt, wie viele meiner Erinnerungen eigentlich Illusionen sind. Ja, und ich bin auch etwas misstrauiger gegenüber Menschen geworden, die allzu forsch auf mich zukommen und mich mit den Worten „weißt du noch… damals“ überfallen. Schlimmer allerdings sind jene Vergangenheits-Fanatikern, die mir einreden möchten, dass früher alles besser gewesen ist. Wie dem auch sei, seit vielen Jahren glaubte ich fest, dass ich den Roman „Die wilden Detektive“ von Roberto Bolaño schon rezensiert hätte. Nun, wenn man sich wieder richtig erinnert, kann man wenigstens solche Dinge berichtigen…

"Die wilden Detektive" ist kein Roman wie viele andere, sondern ist eine Geschichte aus Geschichten, ein Kaleidoskop unterschiedlicher Genres; je nachdem, wie man das Buch lesen möchte. Schon viel ist darüber gesagt worden und ich habe nicht die Absicht, das alles hier zu Protokoll zu geben. Dennoch sollte man sich darauf gefasst machen, dass hinter der Ernsthaftigkeit einer Kulturkritik die Satire auf den Literaturbetrieb hervor lugt, dass hinter dem Großstadtportrait ein Schelmenroman lauert, dass sich hinter dem großartigen Entwicklungsroman ein dreistes Road Movie kaputt lacht.

Der Roman enthält eine verwickelte Geschichte, die von Roberto Bolaño auf einer Reihe verschiedener Erzählebenen ausgeführt wurde. Diese Erzählebenen werden mit vielen echten oder erfundenen Biographien (Biographien sind Erinnerungen…) zusammen gehalten und es drängte sich mir der Gedanke auf, dass vom Autor dem ganzen Roman möglicherweise der Grundgedanke unterlegt wurde, dass der moderne Großstadt-Mensch keine lineare Biografie hat, sondern seine Identität aus vielen zusammengefügten Teilen besteht.
Der Gedanke hat sicher etwas für sich (...und hat mich im Übrigen zu obiger Einleitung verleitet). Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem „echten“ Berliner, der auf meine Formulierung „gebürtig“ entgegnete, dass die traditionelle Großstadt-Bevölkerung sich aus Zugereisten zusammensetzt. Oft sind dann die Biographien von Brüchen gekennzeichnet… ganz ähnlich auch derjenigen des Autors, die ich aus meiner Besprechung von „2666“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) zitieren möchte; gerade auch deswegen, weil die beiden Werke, (zumindest) was die Hauptfigur Arturo Belano betrifft, miteinander verschränkt sind.
Dass die biographischen Daten des Autors wichtig sind, habe ich schon des Öfteren zu Protokoll gegeben. In vorliegendem Werk sind sie – meiner bescheidenen Meinung nach – für das Verstehen des Romans unbedingt erforderlich:
Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile als Sohn einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers (der auch sich aber auch als Boxer betätigte) geboren. Er verbrachte seine Kindheit südlich der Hauptstadt in der Provinz. In Santiago de Chile ging er zur Schule... als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen. Im jugendlichen Alter von 15 sollte er lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko-City gingen. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Außenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. In Mexiko waren unruhige Zeiten angebrochen und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von seiner Politisierung geprägt.
RB bezeichnete sich damals selbst als Trotzkisten und selbstverständlich war er Anhänger von Salvador Allende.1972 kehrt er nach Chile zurück – durchquert halb Lateinamerika per Bus und Autostopp, von der Hoffnung getrieben, die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. RB hatte den Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus, dem er immer treu bleiben sollte. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte, entgeht RB nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Pinochet-Gegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schließlich in einem Massengrab verscharrt zu werden.
RB wurde zwar verhaftet (nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war), im Gefängnis war er aber „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschten noch die Faschisten unter Franko.
Nach einem kurzen Intermezzo bei linksradikalen Guerilleros in El Salvador (die später eine seiner Freunde ermordeten) kehrte er wieder nach Mexiko zurück und ging dann über Italien nach Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war. 1975, nach Francos Tod, gelangte RB schließlich nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.
RB beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher. RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er, nur 50 Jahre alt, an einem Leberversagen in einem Krankenhaus in Barcelona; vergeblich hatte er auf ein passendes Transplantat gewartet.
Eine Inhaltsangabe dieses monumentalen, fast 700 Seiten starken Werkes, ist kaum möglich. Dennoch möchte ich natürlich versuchen, wenigstens einen Überblick über das Werk zu liefern, das eigentlich mehrere Inhaltsangaben erfordert. Hierin ähnelt es einem anderen großartigen Roman, der sich auch auf verschiedene Weisen lesen lässt, woraus unterschiedliche Inhalte resultieren: „Rayuela“ von Julio Cortázar (auch hier bei Ciao vorgestellt). Wie dem auch sei, dieses mit dem Premio Romolo Gallegos, dem wichtigsten lateinamerikanischen Literaturpreis, ausgezeichneten Werk, handelt – grob gesagt – von einer Gruppe junger Dichter in Mexiko-City. Sie sind eine Gruppe jugendlicher Freaks, die alle wahrlich keine Helden sind, und deren wahre Obsession die Literatur ist.
Sie sind Vertreter und vor allem Verfechter einer (Achtung Satire) von RB erfundenen literarischen Bewegung, des „viszeralen Realismus” (übersetzt etwa Eingeweide-Realismus). Doch der Reihe nach: Der erste, der ins Bild kommt, ist Juan García Madero, ein Siebzehnjähriger, der eigentlich in die Stadt kam, um Jura zu studieren; das hatte er jedenfalls seinem Onkel versprochen. Stattdessen treibt er sich in üblen Spelunken ´rum und erlebt seine ersten (auch sexuellen) Abenteuer. Auf der Suche nach Gleichgesinnten, gerät der Außenseiter an eine Clique junger Dichter und in die Literaturwerksatt von Julio César Álamo (ein fiktiver Name) und wird in die Gruppe der Viszeral-Realisten aufgenommen. An das Jura-Studium denkt er nicht mehr und verbringt stattdessen seine Nachmittage und Abende in vollgequalmten Cafés.
Im Folgenden zeigen sich die starken autobiographischen Züge des Romans. Die Figuren der Clique sind allesamt erfolgslose Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich – ganz wie RB in seinen Jugendjahren – in Bohème-Zirkeln herum treiben und auf der Suche nach etwas sind… fast könnte man das auch eine Odyssee der Dichter nennen. Madero kennen wir ja schon. Die anderen namentlich auftretenden Realviszerealisten, sind Ulises (spanisch für Odysseus) Lima und Arturo Belano (ein Exilchilene!), Font, Lupe, Quim, Piel Divina. Zusammen treiben sie sich im pulsierenden Mexiko-City der ausgehenden 1960er Jahre herum.
Das alles kostet natürlich Geld und nicht immer bietet sich die Gelegenheit, es sich in einem gemachten Nest bequem zu machen und zu nassauern. Mit Gelegenheitsjobs, Drogendeals und auch mal Diebstehlen halten sie sich mühsam über Wasser. Aber sie bleiben sich treu: Nächtelang diskutieren sie über Literatur und schmieden kühne Pläne für Veröffentlichungen, die natürlich nie erscheinen. Wer schließlich die Idee hatte, eine verschollene Dichterin, Cesarea Tinajero, angeblich die Begründerin des viszeralen Realismus, ausfindig zu machen, ist nicht überliefert.
Nach und nach fällt die Gruppe auseinander und die Freunde – auf der Suche nach Cesarea Tinajero – verlieren sich aus den Augen. Für Belano und Ulises ist es eine Reise – getrennt voneinander – um die Welt. Ihre Odyssee führt die beiden nach Spanien, Frankreich, Rom, Tel Aviv, Wien, wieder Mexiko, Nicaragua, Angola und Liberia. Am Ende erreichen die Detektive ihr Ziel. Über staubige Straßen und einsame Dörfer geht es in Richtung der Wüste Sonora. Dort soll sich – allen Nachforschungen gemäß – die verschollene Dichterin aufhalten. Für Belano, Lima und Madero geht nach vielen Irrungen und Wirrungen eine Reise zu Ende… wie in einem klassischen Showdown eines Road-Movie. Was sie allerdings entdecken, ist etwas anderes als die überhöhten Vorstellungen der jungen Künstler; schließlich wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird: sie entdecken die Dichterin im einem elenden Kaff als Arbeiterin in einer ehemaligen Konservenfabrik.

Was für ein Buch… oder, besser gesagt, welch ein Werk! Wie ich oben schon schrieb, enthält es eigentlich wenigstens drei Genres: Im ersten Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko (1975)“ (ca. 140 Seiten), haben wir es eigentlich mit Textfragmenten des (natürlich fiktiven) Tagebuchs Maderos zu tun. Der zweite (Haupt-)Teil „Die wilden Detektive (1976 -1996“ (ca. 450 Seiten) enthält eine überwältigende Sammlung von Stimmen teils realer, mehrheitlich jedoch fiktiver Erzähler, die über Belano und Lima sprechen. Im dritten Teil „Die Wüste von Sonora (1976)“ (ca. 60 Seiten), finden wir das angesprochene Road Movie.

Während RB der sog. Rote Faden über fast 700 Seiten nicht verloren zu gehen scheint, müssen sich seine Leserinnen und Leser doch ein wenig Mühe geben, dass ihnen der ominöse Faden nicht abhandenkommt. Aber wir werden für die Mühen großzügig belohnt. RB sprüht vor Einfallsreichtum, Witz und auch Bösartigkeit… wenn er z.B. eine Figur sagen lässt, dass die spanischsprachige Literatur das Feld der Großbürgersöhne gewesen sei, die das Schreiben als riskante, Schranken überschreitende Existenzform sahen. Heute verknüpften kleinbürgerliche Schriftsteller Erfolg im Literaturbetrieb mit gesellschaftlichem Aufstieg. Wenn sie sich wehrten, dann gegen Wehrlose. Erst wer unangefochten zu den Erfolgreichen gehört, traut sich zuzuschlagen.
Aber es steckt noch mehr dahinter: Die Beschreibungen der Aktivitäten der Gruppe können als Karikatur auf sich allzu wichtig nehmende Künstler verstanden werden kann, wobei sich RB durchaus auch selbst veralbert, da er sich als Jugendlicher in Mexiko-City auch nach schriftstellerischem Erfolg sehnte und sich auf der Suche nach Richtung ebenfalls in Avantgarde-Kreisen bewegte. Auch muss RB das Nachleben der Stadt gut gekannt haben, denn die Beschreibungen des Umherstreunens der Dichter-Clique, ist eine großartige Milieu-Studie. Und während die Suche nach der verschollenen Dichterin ein Abenteuerstück sein kann, das in einem Showdown endet, ist das Berichten über die Reisen von Belano und Lima große Kunst.
Eigentlich bildet Maderos Tagebucheinträge der Jahren 1975/76 nur den Rahmen für die Handlung (wenn man das so bezeichnen möchte) im Mittelteil. Er enthält auf über vierhundertfünfzig Seiten Bemerkungen, Erzählungen, Berichte und ihre Reflektionen von fast 80 Menschen; wenige davon real existierende. Ihre Einlassungen datieren zwischen 1976 und 1996 und kreisen alle um Arturo Belano und Ulises Lima, die selber schweigen. Zu sprechen wäre auch gänzlich überflüssig, denn alles was es zu sagen gibt, sagen die Figuren, die offenbar auf die beiden fixiert sind.
Immer erzählt eine andere Stimme die Geschichte der Reisenden. Da RB jeder Person eine eigene Stimme angepasst hat (andernfalls könnte RB die Spannung über so viele Seiten nicht halten), sei es durch Slang-Ausdrücke, sei es durch einen dem Charakter der Person angepassten Wortschatz, so „hören“ wir als Leser gespannt zu, was uns da berichtet wird. Manche der Erzählerinnen oder Erzähler wiederholen bereits Erzähltes aus ihrer eigenen Perspektive, und so fragt man sich mit der Zeit, welcher dieser Erinnerungen man trauen kann.
Als ich lesend am Ende des Romans angekommen war, empfand ich eine tiefe Traurigkeit, denn ich wusste bereits von der tödlichen Erkrankung des Autors. Ich fragte mich noch bei mir, was ein Autor dieser Klasse, bei all den unausgeführten Ideen in diesem Buch (das quasi eine Schatztruhe von Romanideen ist), wohl noch hätte schreiben können. Aber ich möchte dankbar sein, dass er uns dieses Werk geschenkt hat und so hat sich die Traurigkeit alsbald in Freude gewandelt… die Freude darüber, dass ich dieses überaus originelle, äußerst unterhaltsame, großartige Kunstwerk genießen durfte.
Manche Liebhaber der Lateinamerikanischen Literatur beklagen, dass es einen Wandel – weg vom Magischen Realismus – zu etwas Neuem, Ungewohnten gegeben hätte und man Mühe habe, sich mit dem Neuen so zu stellen, wie man sich zum Etablierten gestellt hatte. Nun, hier halten wir ein Schlüsselwerk für dieses Neue in Händen. RB vereinigt hier virtuos die Nüchternheit des von ihm oft als literarisches Vorbild angeführten Argentiniers Jorge Luis Borges und die Opulenz der Sprache des Magischen Realismus, dessen unbestrittener Protagonist der von RB (persönlich) wenig geschätzten Gabriel Garcia Marquez ist.
„Die wilden Detektive“ ist ein maßloser, bizarrer und rasend schneller moderner Lateinamerikanischer Roman, der nicht mehr in irgend eine exotische Landschaft gestellt ist, der aber dennoch so viel Lokalkolorid hat, dass er mühelos als ein Meisterwerk der Lateinamerikanischen Literatur identifizierbar ist. Er wird ganz recht als einer der wichtigsten Romane der neuen lateinamerikanischen Literatur bezeichnet. RB hat einer jungen Generation Lateinamerikanischer Autoren einen Weg bereitet und es bleibt zu hoffen, dass sie sich aufmachen um zwischen Márquez und Borges hindurch, eine weiterhin unverwechselbare Literatur zu schaffen.
Von allem was ich die letzten Jahre gelesen habe, ist dieses Buch eines der humorvollsten, fantasievollsten und von literarischer Raffinesse strotzenden Werke, das es unbedingt verdient gelesen zu werden. RB schaffte es immer wieder mich zum Lachen zu bringen (was ich selten tue, wenn ich alleine bin). In dem er auch mit seiner eigenen Biographie kokettiert, kann er es sich erlauben, kein Klischee über junge Bohemiens auszulassen und ironisch zuzuspitzen. Ich kann jedoch verstehen, wenn es bei dem einen Leser oder der anderen Leserin Vorbehalte gegen ein solches Riesenwerk, mit seinem unfassbar scheinenden Personenregister, gibt und man sich nicht so recht herantraut, aber spätestens nach wenigen Seiten hat die aufgeschlossene Art des Autors den Bann gebrochen.
Wilfried John

"
Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (841 mal gelesen)
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Der Fall Neruda
Rezensionen Anonymous schreibt "
Der Fall Neruda
Roberto Ampuero
384 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Berlin Verlag – Aus 2010
ISBN: 978-3-8270-0866-4
22,- €uro
Antiquarisch Billiger

Pro:
Historischer Roman, mit einer vielschichtigen erzählerischen Struktur
Kontra:
Die Kenntnis um zeitgeschichtliche Zusammenhänge wäre nützlich

Detektiv der Geschichte


Zeitgeschichte. Wenn von Zeitgeschichte die Rede ist, wird von einem Zeitraum gesprochen, den zumindest ein Teil der Zeitgenossen bewusst miterlebt hat. Insofern kann man deswegen auch von zeitgenössischer Geschichte sprechen. Es handelt sich also nicht – wie beim Begriff Geschichte – um eine abgeschlossene oder abgrenzbare Epoche, sondern um ein, immer noch im Werden begriffener, Zeitraum, der sich im Laufe der Zeit verändert.
Die geneigte Stammleserschaft stellt sicher fest, dass ich hier schon öfters über Geschichte geschrieben habe; zuletzt hier bei meiner Besprechung über „Der Mann, der Hunde liebte“ von Leonardo Padura. Im deutschen Sprachraum wurde als Zeitgeschichte zunächst die Epoche seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bzw. seit der Oktoberrevolution in Russland ab 1917 verstanden, das Ende des langen 19. und der Beginn des „kurzen 20. Jahrhunderts“. Neuerdings aber wird unter Zeitgeschichte die Epoche seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstanden, da nur noch wenige Zeitzeugen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs leben. Dies gilt besonders für diejenigen, die damals bereits Erwachsene waren oder gar in verantwortlicher Stellung standen.
Die Epoche seit 1945 ist für die meisten Europäer und Nordamerikaner eine Friedenszeit, die durch keinen großen Krieg geprägt ist. Dies gilt bedauerlicherweise für weite Teile der restlichen Weltregionen so nicht. Die sich feindlich gegenüber stehenden Supermächte USA und UdSSR schürten und führten jahrzehntelang Stellvertreterkriege überall auf der Welt. Das verschlimmerte sich noch, als sich die europäischen Mächte (vor allem Frankreich und Großbritannien) aus ihren Kolonien zurückzogen. Das entstehende Machtvakuum führte zu oft jahrzehntelangen Bürgerkriegen, in welche sich auch wieder die USA und die UdSSR einklinkten.
Die jüngeren Zeitgenossen werden unter Zeitgeschichte vielleicht Begriffe wie „Mauerfall“ oder auch „Golfkrieg“ verbinden, die noch jüngeren verbinden vielleicht Begriffe wie “Krieg gegen den Terror“ oder „Guantanamo“ damit – ganz gewiss aber den Begriff „9/11“, jene Katastrophe, die – wie nie zuvor – medial ausgebeutet wurde, um sie politisch zu verwerten. Und was wurde da nicht alles gesagt und Geschrieben! Herr Bush sprach sogar vom „Angriff auf die Zivilisation“. Nun, so schrecklich, brutal und unsinnig die Terroraktion auch gewesen sein mag, und auch wenn das Blut Unschuldiger vergossen wurde, der Angriff galt lediglich einem Geschäftshaus oder allenfalls einer privaten Organisation.
Zivilisatorischer Fortschritt und Ausdruck zivilisatorischen Handelns ist der Verzicht auf das Recht des Stärkeren, die diskursive Entscheidungsfindung, die demokratische Legitimierung von (zeitlich begrenzter) Ausübung von Macht. Dies zusammen genommen, beschreibt die großartige, zivilisatorisch wirksame Idee des Parlamentarismus. Wenn also die Zerstörung eines Geschäftshauses ein „Angriff auf die Zivilisation“ darstellt, was ist dann die Bombardierung eines demokratisch gewählten Parlaments?
Nun, auch dies geschah schon… nicht vor Ewigkeiten, sondern in der Zeit, die ich oben zeitgenössische Geschichte nannte; übrigens ebenfalls an einem 11.9. Unter tätiger Mithilfe des US-amerikanischen Geheimdienstes, putsche 1973 das chilenische Militär – unter dem Oberbefehlt Generals Pinochet – gegen die demokratisch gewählte Regierung Allendes und bombardierte den Präsidentensitz La Moneda in Santiago de Chile. Ein weiteres Merkmal der Zivilisation übrigens ist eine hochstehende Literatur; ein Indiz dafür, ist z..B. der Nobelpreis für Literatur.
***
Das hier zu besprechende Buch ist kein Sachbuch, wenngleich in einem richtigen Historischen Roman durchaus sachlich richtige Fakten verarbeitet werden. Obendrein handelt es sich bei „Der Fall Neruda“ von Roberto Ampuero (RA) nicht einfach um einen Historischen Roman, sondern um einen Historischen Kriminalroman (wenn es das Genre überhaupt gibt). Sicher es gibt Krimis, die z.B. in der Römerzeit spielen (Lindsay Davis – auch hier bei Ciao vorgestellt), aber das hat – meiner bescheidenen Meinung nach – streng genommen, wenig mit Historischen Romanen am Hut. Streng genommen entspricht das Genre des Historischen Romans solchen Werken, in denen die Protagonisten tatsächliche Personen der Geschichte sind und nicht einfach die Romanzeit in irgendein anderes Zeitalter gelegt wurde.
Die historische Figur in Mittelpunkt der Handlung, ist – bei dem Titel – natürlich der Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda (auch hier bei Ciao vorgestellt). Der Schriftsteller war nicht nur als Kulturschaffender politisch, sondern in einem ganz wörtlichen Sinn auch Politiker. Über die politische Haltung lateinamerikanischer Autoren, der politischen Dimension vieler Werke der Lateinamerikanischen Literatur und den Status von Autoren als moralische Instanz in vielen Ländern Lateinamerikas habe ich hier schon geschrieben und all das ist ja auch einer meiner Gründe, weswegen ich die Literaturen dieser Weltgegend so schätze. Neruda war darüber hinaus Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Chiles, ging dann aber in die Unidat Popular und unterstütze die Wahl Salvador Allendes, der 1970 (mit den Stimmen der Christdemokraten) der erste demokratisch gewählte sozialistische Präsident wurde. Neben der historischen Figur des Dichters Pablo Neruda, gibt es den Helden des Romans: Der Ermittler Cayetano Brulé. Er ist ein gebürtiger Kubaner, der Mitte der 1950er Jahre, noch vor der Kubanischen Revolution, nach Miami ausgewandert ist und sich 1971 mit seiner chilenischen Frau in Valparaíso niedergelassen hat.
In „Der Fall Neruda“ geht es weder um eine Bluttat noch um internationale Verschwörungen; diese Dinge bilden höchstens einen diffusen Rahmen aus Zeitgeschichte, in der die Handlung spielt. RA spielt mit den Mitteln des Kriminalromans – wie so viele Lateinamerikanische Autoren; z.B. Pablo de Santis, Leonardo Padura oder Tailor Netto Diniz (alle auch hier bei Ciao vorgestellt). Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.
Das trifft in hohem Maße gerade auch auf diesen Autor im Allgemeinen und auf dieses Werk im Besonderen zu. „Der Fall Neruda“ ist ein in ruhigem Rhythmus erzählter, unaufgeregter Roman, der viel Überblickswissen über zeitgenössische Zusammenhänge offenbart und so manchen „frommen Mythos“ (z.B. über den sog. real existierenden Sozialismus oder den real existierenden Kapitalismus) entzaubert. RA tastet quasi die Zeitgeschichte verschiedener Länder (z.B. Chile, Kuba, DDR, Mexiko und Bolivien) nach ihren inneren Widersprüchen ab und heraus kam, ein voll und ganz auf der Linie Ampueros liegendes Werk.
Roberto Ampuero Espinoza (RA) wurde 1953 in Valparaíso/Chile in eine Familie der Mittelschicht geboren. Zur damaligen Zeit stand die Deutsche Gemeinde in Chile (übrigens heute auch noch – aber aus anderen Gründen) in gutem Rufe und so schickten ihn die Eltern an die Deutsche Schule in Valparaiso (DSV); was offenbar kein Zuckerschlecken war. RA gibt über seine Schulzeit zu Protokoll: „Die DSV lehrte mich, diszipliniert und gewissenhaft zu sein in dem, was ich tue, keine Zeit zu vergeuden, schwierige Situationen zu bestehen, anspruchslos, einfach zu leben und in anderen Kulturen zu leben.“ Ab 1972 studierte er an der Universidad de Chile in Santiago de Chile Anthropologie und der Literatur.
Sicher konnte man sich im Chile jener Zeit nicht aus der Politik heraus halten, als Student schon gar nicht und so schloss er sich der Kommunistischen Jugend Chiles an. Am 11.9.1973 putschte das Militär und begann mit den sog. Säuberungen, denen Tausende zum Opfer fielen; auch weil viele westliche (mit den USA verbundenen) Länder ihre Botschaften schlossen und so diese Fluchtmöglichkeiten verbauten. RA hatte Glück, denn er konnte – wie sehr viele Linke – im Dezember 1973 über die Botschaft der DDR (die der BRD war geschlossen!) ausreisen (dankbar hat man das der DDR bis heute nicht vergessen). In Leipzig studierte er Journalistik an der Karl-Marx-Universität. 1974 zogen RA und Margarita Flores, die Tochter des kubanischen Generalstaatsanwaltes, die er an der Uni kennen lernte, nach Kuba und heirateten.
Seine Erfahrungen auf Kuba erschütterten schon bald nicht nur sein Kuba-Bild. Er gab zu Protokoll: „Die Regierung (die kubanische) verachtete die Oppositionellen und machte sie zu Feinden… sie ließ die Oppositionellen verhaften, erschießen und außer Landes treiben. Als ich nach Kuba kam, zeigte sich, dass die Regierung die Opposition genauso behandelte, wie die Diktatur in Chile. Nach fünf Jahren in Kuba kehrte RA 1979 in die DDR zurück. Er studierte ein Jahr Marxismus-Leninismus an der FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, danach, von 1980 bis 1983, Literaturwissenschaft und Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität und arbeitete zugleich als Übersetzer und gelegentlich für den Verlag Neues Leben als Gutachter für Übersetzungen lateinamerikanischer Literatur. 1983 verließ RA die DDR und übersiedelte in die BRD.
1993 kehrte Roberto Ampuero in sein Heimatland zurück und lebt dort als freier Schriftsteller und Kolumnist. 2006 promovierte er mit einer Dissertation über Jorge Edwards (auch hier bei Ciao vorgestellt). Von 2011 bis 2013 war RA chilenischer Botschafter in Mexiko. Im Juni 2013 wurde er zum Präsidenten des Chilenischen Kulturrates (Consejo Nacional de la Cultura y las Artes de Chile) ernannt. 1984 veröffentlichte RA unter dem Titel „Ein Känguruh in Bernau“ im Aufbau-Verlag einen Band mit Erzählungen. Sein erster Roman „Der Schlüssel liegt in Bonn“ erschien 1993, als erster einer Serie von Kriminalromanen mit dem Detektiv Cayetano Brulé als Titelhelden. Seitdem sind fünf weitere Romane in dieser Serie erschienen, zuletzt im Jahr 2008 „Der Fall Neruda“.
***
Vor diesem Hintergrund spielt „Der Fall Neruda“, der bereits der sechste Teil der Cayetano-Brulé-Serie ist, inhaltlich aber erstmals ganz an den Beginn der Karriere des Privatdetektivs führt. In Form einer ausgedehnten Rückwendung erinnert sich Cayetano daran, wie ihm ausgerechnet die Dichter-Legende und nationale/internationale Berühmtheit Pablo Neruda seinen ersten Auftrag erteilte und wie seine Karriere als Privatdetektiv begann. Die Romanfigur Neruda träumt von einem Nachkommen (die einzige Tochter der historischen Person Neruda, wurde mit einer Behinderung geboren und starb im Alter von acht Jahren). Die Romanfigur Neruda will glauben, dass ihm irgendwo auf der Welt (und Neruda war ja wirklich ein Weltreisender) eine seiner vielen Geliebten, ein Kind geboren hat und er will ausgerechnet Cayetano Brulé damit beauftragen, dies in Erfahrung zu bringen.
Cayetano Brulé ist ein Anfänger auf dem Gebiet der Ermittlungsarbeit, obendrein ist er arbeitslos ist und seine Ehe liegt in Trümmern… er hat nichts Besseres zu tun, also nimmt er den überraschenden Auftrag an. Weil er aber keine Ahnung vom Detektiv-Dasein hat, versucht Neruda, ihm mit den Mitteln der Literatur beizuspringen und empfiehlt ihm die Werke von Georges Simenon und dessen Kommissar Maigret. Eine Lektüre, die schnell auf eine weitere Bedeutungsebene des Romans führt. RA verschiebt die hierzulande übliche Perspektive: Der alles beherrschende Norden wird zum Rand seiner literarischen Welt.
Im Zentrum steht Lateinamerika mit all seinen kulturellen Differenzen und mit seinem Chaos. RA gibt zu Protokoll: "Genau wie die Herren Dupin und Sherlock Holmes konnte Maigret nur in stabilen, geordneten Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich auf seine Weise ermitteln, dort, wo eine vernunftgesteuerte Philosophie die Existenz der Menschen lenkte (...). In Lateinamerika dagegen, wo Improvisation, Willkür und Korruption die Regel waren, war alles möglich. Da, wo ein kommunistisches Land, moderne kapitalistische Metropolen, Ländereien mit feudaler Ausbeutung oder sogar Sklaverei und Urwälder, in denen die Geschichte seit der Steinzeit stehen geblieben zu sein schien, nebeneinander existierten, halfen europäische Detektive auch nicht weiter. So einfach und brutal verhielt es sich."
Derweil spitzt sich die politische Situation in Chile zu und dem Detektiv ist es nicht unangenehm, dass er auf seiner Suche, ins Ausland reisen muss, was ihn nach Mexiko, Kuba, in die DDR, nach Bolivien und schließlich wieder nach Chile führt. Ob er am Ende die Frau gefunden und scheinbar Gewissheit über die Identität ihrer Tochter erlangt haben wird, lasse ich hier mal offen… das Ende des Romans ist allerdings Zeitgeschichte: In Chile hat das Militär die Macht übernommen und der Ermittler trifft den Dichter nicht mehr lebend an.
***
Manch ein hartgesottener Krimi-Fan wird enttäuscht sein, dass es in diesem, als Krimi daher kommenden Werk, keine blutüberströmten Leichen, handgreifliche Auseinandersetzungen oder actiongeladenen Verfolgungsjagdten gibt. Allerdings sollte nicht vergessen werden, was ich oben zur Bedeutung des Krimi-Genres in der Lateinamerikanischen Literatur anmerkte. Dem Autor geht es um sehr viel mehr, als uns nur gut zu unterhalten; was ihm ohne Zweifel gut gelang. Der historisch-politische-geografische Rahmen ist immens und so reicht also eine nur durchschnittliche erzählerische Begabung nicht aus, diesen Rahmen adäquat auszufüllen.
Auch die an sich dünne Handlung, der Plot, ist nicht geeignet, den oben angesprochenen Krimi-Fans Schweißtropfen der Spannung auf die Stirn zu treiben. Dem Autor geht es um Anderes. Stellen wir uns den Roman als Gebäude vor, dann werden wir zunächst der Fassade ansichtig. Niemand wird auf den Gedanken kommen, damit alles über das Gebäude zu wissen… wir ahnen, dass es da vielleicht verwinkelte Flure, düstere Keller oder einen staubigen Dachboden geben wird; die Fassade, also der Plot des Romans, ist nur Oberfläche.
Beginnen wir ausnahmsweise mit dem Dachboden. Um im Bild zu bleiben: Wir schreiben den Dachböden die Bedeutung als Aufbewahrungsort vieler (vielleicht auch der Vergessenheit anheim gegebener) Erinnerungen zu. Hierher gehört alles in diesem Roman, das mit Pablo Neruda in Zusammenhang steht; die Hauptebene. AR gibt zu Protokoll, dass es eine Herausforderung war, Pablo Neruda in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen und in der Heimat zu veröffentlichen; „In Chile“, sagt RA, "ist jeder Zweite Neruda-Experte". Gewiss, Pablo Neruda, der in Chile längst eine Legende ist, ist schon mehrfach Gegenstand literarischer Verarbeitungen gewesen (z.B. "Mit brennender Geduld" von Antonio Skarmeta – auch hier bei Ciao vorgestellt) und man wird fragen, wieso das denn eine Herausforderung sei. Nun, das Buch ist keine Hommage an die moralische Instanz Neruda und es war ein Wagnis, am Denkmal des Dichters zu kratzen.
Genau das macht RA, indem er seinen Detektiv auf dem Dachboden der verdrängten Erinnerungen stöbern lässt und der prompt fündig wird: Zum Vorschein kommt Nerudas Verhältnis zu den Frauen in seinem Leben, die er – um seine Karriere voranzutreiben oder seine Phantasie zu beflügeln – ausbeutete und fallen ließ, wenn sie ausgedient hatten. "Ich hatte viele Geliebte in meinem Leben", sagt der alte Dichter dem jungen Detektiv Brulé, "ohne sie hätte ich keine Gedichte geschrieben."
In den verwinkelten Fluren unseres Romangebäudes spielen sich die Irrungen und Wirrungen der manchmal etwas sprunghaft erzählten Handlung ab. Natürlich geht die Suche nicht vonstatten ohne Aufsehen zu erregen. Und ein Fremder in Kuba oder der DDR konnte sich nicht unbemerkt bewegen wie er wollte; immerhin hat der Autor lange genug im Leipzig der 1970er Jahre gelebt, um Kenntnis vom Vorhandensein der Stasi zu haben. Das fließt natürlich in die Handlungsabläufe mit ein.
Schließlich ist da noch der düstere Keller der Zeitgeschichte. Die Ermittlungsarbeit wird zur Fläche, auf der RA die politische Stimmung des Jahres 1973 in Chile sowie in den anderen Ländern, in die Cayetano reist, projiziert. Der Autor hinterfragt das Dilemma der politischen Aktivisten, die vor der Entscheidung stehen, in den Untergrund zu gehen und die Waffen zu ergreifen oder sich resigniert zurückzuziehen. Die literarische Verarbeitung großer geschichtlicher Ereignisse verbindet der chilenische Autor in allen seinen Romanen mit dem persönlichen Schicksal einzelner Menschen. RA geht es in seinem Roman offenbar auch darum, Lateinamerika in all seiner Vielfalt und in allen Verwerfungen – vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse – besser zu verstehen.
***
Für mich ist es ein klarer Fall: RA ist mit der Materie vertraut und das merkt man dem Roman an und er könnte noch mehr in den oben erwähnten Rahmen packen. Dass er es nicht getan hat, macht das Buch besser lesbar; manchmal ist eben weniger mehr. Das gilt sowohl für die politischen als auch die historischen Zusammenhänge. Nach meinem Empfinden gibt RA gerade genug von seinen (wahrscheinlich auch bitteren) Erlebnissen jener Vergangenheit mit in sein Werk.
Viel wichtiger war für mich, dass ich das Buch trotz meines politischen Bildes von Pablo Neruda und trotz meiner uneingeschränkten Bewunderung seines Werkes, ohne inneren Widerwillen zu empfinden, lesen konnte. Es gelingt RA mit viel Feingefühl den Dichter als einen großen Intellektuellen darzustellen, der nicht nur in seinem politischen Leben und seinem Verhältnis zum Sozialismus widersprüchlich agierte, sondern dies ebenso sehr im Privatleben tat; er stellte dies dar, ohne Anklage zu erheben oder sich um Rechtfertigung zu bemühen. Insofern befreite er Neruda vielleicht sogar von seinem schweren Denkmalsockel. Es schadet Nerudas Gedichten nicht, zu lesen, dass ihr Autor sich hin und wieder wie ein Arschloch verhielt und der Nobelpreisträger auf sein menschliches Maß reduziert wird.
"Der Fall Neruda" ist für mich eines jener Bücher, in denen sich mir geschichtlich eine Welt spiegelt. Mir begegneten hier, mir sympathische Menschen wie Che Guevara, Neruda und Salvador Allende und ich weilte gedanklich in Ländern, mit denen mich teils intellektuell, teils persönlich vieles verbindet. Dass mir die politische Haltung des Autors sympathisch ist, muss ich vielleicht nicht extra betonen, aber es deswegen anfügen, weil es unterschwellig auch um einen politischen Diskurs über Kommunismus und den Kapitalismus geht.
Ich erlebte den Autor nicht als experimentellen Sprachkünstler, sondern als einen, der sich auf erprobte Erzählstrategien verlässt, um sich auf eine klar verständliche Darstellung der Inhalte konzentrieren zu können. RA besitzt offenbar eine sehr genaue Vorstellung davon, was er den Lesern vermitteln will und was nicht. Es geht ihm nicht um die Erklärung der Welt, sondern darum internationale politische Zusammenhänge, kulturelle Eigenarten und menschliche Grundzüge zu beschreiben und die Bewertung uns Lesenden zu überlassen. Natürlich wird ganz nebenbei auch noch ein Fall gelöst, den RA spannend erzählt. Das ergibt – trotz all der zu beachtenden Ebenen – ein flüssig zu lesendes Buch, das mich glänzend unterhielt.

Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (898 mal gelesen)
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Zeit der Asche
Rezensionen Anonymous schreibt "
Zeit der Asche
Jorge Volpi
512 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Klett-Cotta – Aus 2009
ISBN 3-6089-3701-3
24,90 Euro

Pro:
Gesellschaftskritisch, wissenschaftskritisch, systemkritisch .  .  .
Kontra:
Das Werk kann einseitig verstanden werden… was es aber nicht ist


Zeit der Entfremdung

Entfremdung. Vielen Menschen in den modernen Gesellschaften beschleicht seit geraumer Zeit das merkwürdige Gefühl, dass mit diesen Gesellschaften etwas nicht stimmt. Angesichts von Ungerechtigkeit, von politischem Versagen gegenüber von Zukunftsaufgaben oder mangelnder Wertschätzung von Lebensleistungen arbeitender Menschen, suchen sie – meist vergebens – nach Antworten auf die subjektiv empfundene Entwertung oder Nichtberücksichtigung ihrer Bedürfnisse. Vielfach verstehen sie nicht, wie politisch Verantwortliche auf der Hand liegende Erfordernisse (Klimawandel, Atomkraft, Militarisierung…) unbearbeitet lassen, und andere Fragen (Zukunft der Arbeit, Armutsbekämpfung, soziale Sicherung) gegen die Mehrheit der Gesellschaften entscheiden.
Daraus entsteht ein Gefühl, das einem die eigene Gesellschaft fremd wird; zurecht. Es wird offenbar massiv darauf hingearbeitet, dass in gesellschaftlicher wie individueller Hinsicht ein Zustand entsteht, in dem die ursprünglichen Beziehungen zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit aufgehoben, verkehrt oder zerstört werden. Es sollte klar sein, dass das nicht ohne Wirkung auf die einzelnen Menschen bleiben kann und so ist dieser Zustand, für den der Begriff Entfremdung steht, auch dafür verantwortlich, dass auch die Sicht von Menschen auf sich selbst in eine Krise gerät.
Dabei ist Entfremdung kein Naturgesetz, sondern sie ist der gesellschaftlich/politisch voran getriebene und unumkehrbare Prozess der Aneignung der Natur und ihrer materiellen und geistigen Umgestaltung zu Kultur, mitsamt den Institutionen, die fremdbestimmt wirken, sobald sie die Menschen beherrschen und sich ihren individuellen und kollektiven Wünschen entgegenstellen. Wenn also Entfremdung kein Naturgesetz ist, bleibt die Frage, was uns offenbar zwingt diese Entfremdung in Kauf zu nehmen; ganz gleich wohin das führt.
Vielleicht ist ein Blick auf das vorherrschende kapitalistische System hilfreich für das Verständnis solcher Prozesse. Schon Marx (und andere vor ihm) hat Entfremdung als einen der zentralen Kritikpunkte gegenüber dem Kapitalismus benannt. In diesem Kontext wird argumentiert, dass der Mensch – durch die nur an Profit orientierte Produktion – von seinem Produkt, wie auch von sich selbst entfremdet wird. Wenn nun gesellschaftlich alles diesem System untergeordnet wird, kann es einfach nicht wundern, dass die Gesellschaften sind wie sie sind.
Und es kann uns nicht wundern, viele Menschen das Gefühl der Vereinzelung beschleicht. Aber nicht nur das, zunehmend haben wir alle das Gefühl, aus der natürlichen Umwelt heraus gefallen zu sein, weil ausgebeutete Natur nur als Gegenposition des Menschen zur Natur gesehen werden kann; was jeden einzelnen Menschen von allem anderen Seienden abgegrenzt. Da Entfremdung aber menschengemacht ist, ist sie aber auch das selbst verursachte Produkt jedes Individuums, jeder Gesellschaft oder der Menschheit überhaupt… und deswegen auch von jedem, von uns, von der Menschheit revidierbar.
* * *
Mir ist sehr bewusst, dass ich im Sinne dieser Einleitung hohen Anspruch ankündige, wenn es – wie sonst üblich – um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur geht. Nun, ich kann an dieser Stelle schon versprechen, dass das hier vorzustellende Buch, diesen Anspruch voll und ganz zu erfüllen imstande ist. Bei dem Buch das ich vorstellen möchte, handelt es sich diesmal um ein Werk der zeitgenössischen Mexikanischen Literatur, „Zeit der Asche“, von keinem geringeren als dem mittlerweile sehr bekannten Autor Jorge Volpi (JV). Wem das Werk dieses Mannes nur etwas bekannt ist, wird sich bestimmt an den Titel „Das Klingsor-Paradox“ erinnern (auch hier bei Ciao vorgestellt).
Das jedenfalls wäre im Zusammenhang mit „Zeit der Asche“ sehr hilfreich (wenn auch nicht unbedingt erforderlich), denn die beiden Titel stehen in einem direkten Zusammenhang. Keineswegs möchte ich mit dieser Bemerkung andeuten, dass es sich bei „Zeit der Asche“ um so etwas wie den Fortsetzungs-Roman von „Das Klingsor-Paradox“ handelt, doch wer damals diesen Roman gelesen hat, wird kaum umhin kommen, das neuste Werk von JV zu lesen, denn es ist eine grandiose Fortschreibung der kritischen Betrachtung der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und systemimmanenten Prozesse. Während im Roman „Das Klingsor-Paradox“ die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts unter die literarische Lupe nimmt, ist der Blick in „Zeit der Asche“ auf die zweite Hälfte gerichtet.
Es gibt nicht sehr viele Autoren, jedenfalls was die belletristische Literatur betrifft und die ich kenne, die zu einem solchen Projekt fähig sind. Dass JV dazu in der Lage ist, hat er mit seinem Klingsor-Roman schon unter Beweis gestellt; nicht umsonst erntete er damit schlagartig begeisterte Beachtung. Wie ich schon oft behauptet und – wie ich glaube – auch bewiesen habe, ist die Kenntnis der Biographie des Autors für das Verstehen seiner Werke sehr erhellend. So auch in diesem Fall, zeigt sich doch in den biographischen Daten, dass der Mann schlicht und ergreifend weiß wovon er schreibt. Zur Person zitiere ich mich am besten selbst, da ich ja, selbst wenn ich wollte, keinen neuen Lebenslauf erfinden kann:
* * *
JV wurde 1968 in Mexiko-Stadt geboren. Leider ist es mir nicht möglich gewesen, näheres über die Lebensumstände und den Verlauf seiner Kindheit in Erfahrung zu bringen. Es ist mir jedoch bekannt, eine humanistisch geprägte Bildung genoss, unter deren Einfluss er zunächst Philosoph werden wollte. Wir können also davon ausgehen, dass er in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, in denen es ihm, zumindest in materieller Hinsicht, an nichts mangelte. Es ist auch bekannt, dass er schon sehr früh in seiner Jugend an der Lektüre großer mexikanischer Autoren wie Juan Rulfo, Carlos Fuentes (auch hier bei Ciao vorgestellt) und Octavio Paz Gefallen fand.
Zunächst studierte er aber Jura an der Universidad Nacional Autónoma de México und ereichte einen Abschluss in diesem Fach. Ganz nebenbei pflegte er aber auch sein Interesse an Literatur und hörte Vorlesungen an der literaturwissenschaftlichen Fakultät. Diese Studien setzte er später in Spanien fort und promovierte schließlich in spanischer Philologie an der Universität von Salamanca. Beruflich widmete er sich zuerst seiner juristischen Laufbahn und verdiente seinen Lebensunterhalt als Anwalt und später dann, 1992 – 1994, als Sekretär des mexikanischen Generalstaatsanwaltes.
Schon während seines Studiums war klar, dass sich JV irgendwann ganz der Literatur zuwenden würde. So gründete er in den Jahren 1994 –1996, zusammen mit anderen jungen mexikanischen Autoren die literarische Gruppe „Crack“, deren Ziel es sein sollte, zu den literarischen Wurzeln der 68- Generation zurück zu kehren. In diesem Zusammenhang sind natürlich nicht die „europäischen 68er“gemeint, sondern die Autoren des lateinamerikanischen Literatur-Booms, zu denen untrennbar Namen wie Marquez, Cortázar, Carpentier oder auch Amado gehören (auch hier bei Ciao vorgestellt). Die Gruppe „Crack“ schrieb sich auf die Fahnen, Romane von komplexer Struktur zu schaffen, die aber dennoch das weiter tragen sollten, was ihre Vorbilder als Ziel beschrieben haben, nämlich so etwas wie die Komplizenschaft mit den Leserinnen und Lesern. „Crack“ wendet sich einerseits gegen den us-amerikanischen Neorealismus und andererseits gegen die Nachahmer des sog. Magischen Realismus, welchen ihre Vorbilder ja begründet hatten.
JV, als eines der maßgeblichen Mitglieder der Gruppe “Crack“ schrieb bisher sowohl Essays als auch Romane und beabsichtigte, nach eigenen Aussagen, mit seinem Roman „Das Klingsor-Paradox“, beide Gattungen zu vereinen. Wie Cortázar beispielsweise, aber auch andere zeitgenössische Autoren, tritt er für die Auflösung der in der klassischen Literatur gebräuchlichen Genregrenzen ein. Für sein Werk wurde er in Spanien, wo er von 1996 bis 2001 lebte, mit dem Premio Bilioteca Breve ausgezeichnet; andere Preise folgten. Heute ist Jorge Volpi, neben seinem literarischen Schaffen, als Kulturattaché Mexikos in Paris tätig.
* * *
Sicher, JV ist studierter Jurist und Literaturwissenschaftler, doch er hat sozusagen eine heimliche Affäre… mit den Naturwissenschaften. Er gibt zu Protokoll: „Ich habe immer bereut, nicht Physik studiert zu haben. Die Wissenschaft ist zweifellos eine der größten Errungenschaften der Menschheit.” Auch wenn er so von der Wissenschaft spricht, so ist sein Verhältnis zu Wissenschaftlern ambivalent. Das kommt im schon erwähnten Werk „Das Klingsor-Paradox” deutlich zum Vorschein, in dem er berühmte Forscher teils zu Helden und teils zu Bösewichtern macht und einen Physiker und einen Mathematiker auf die Suche nach einem Wissenschaftler schickt, der für die Nationalsozialisten Juden zu Experimenten missbrauchte. Das es der Crack-Gruppe auch um die Überwindung von Genre-Grenzen geht, könnte man zu diesem Roman etwa Wissenschaftsthriller nennen.
Auch „Zeit der Asche“ ist eine solche Mischung aus Historischem Roman und Thriller = Wissenschaftsthriller. Wie oben schon gesagt, ist die Romanzeit die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ja, das Rezept des Romans ist zwar dasselbe, aber natürlich sind die Zutaten gänzlich andere; nach meinem Geschmack sogar bessere, weil griffigere als Quantenphysik. Diesmal es gleich um drei Wissenschaftsgebiete: Gentechnik, Informationstechnik und Ökonomie; wiewohl man darüber trefflich streiten könnte, ob es sich beim letztgenannten überhaupt um Wissenschaft handelt.
Wie man auch immer zu dieser Frage stehen mag, muss man konstatieren, dass diese drei Disziplinen nicht nur für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen, sondern gegenwärtig und zukünftig auf das Leben der Menschheit einwirken. Somit geht es JV wohl auch darum, mit diesem Roman zugleich ein Zeichen für die Zeit nach der Jahrtausendwende zu setzen. Nicht wenige meinen, dass sich aus diesen Disziplinen ein, für die Menschheit schicksalhaftes, Endzeitszenario ergeben könnte. So könnten wir das Werk auch als Menetekel für den Umgang mit der Gentechnik, der Computertechnik und dem Kapitalismus sehen: Gewogen und zu leicht(-fertig) befunden.
* * *
Es ist nicht einfach einen Plot des Roman zu beschreiben und ich möchte das eigentlich auch nicht erst versuchen; teils um zukünftigen Leserinnen und Lesern die Spannung zu nehmen und teils um in gebotener Kürze auf die Hintergründe des Werkes besser eingehen zu können. Im Kern des Romans geht es um die Schicksale von drei Frauen (des vorgesagten entsprechend, eine Biologin, eine Computerwissenschaftlerin und eine Ökonomin), die sich in den Verwerfungen der Weltgeschichte überlagern. Diese Frauen symbolisieren nicht nur die entsprechenden Wissensgebiete, sondern auch die die Romanzeit, denn sie repräsentieren die drei Generationen der entsprechenden Zeit und sie stammen aus den USA, der Sowjetunion und dem heutigen Russland. Neben ihrer persönlichen Geschichte, lässt JV diese drei Frauen alle zeitgeschichtlichen Umbrüche durchleben; ein Themenbogen der es wahrlich in sich hat.
An irgendeinem Morgen soll Irina Nikolajewna Granina in der Pathologie eine Leiche identifizieren… die Leiche ihrer Tochter. Am selben Morgen bereitet sich Jennifer Moore in New York darauf vor, ihrem Neffen den Tod seiner Mutter zu erklären. Und ebenfalls an diesem Morgen urteilt ein Gericht in Rockville über eine Anklage wegen Mordes an Biologin Éva Halász. Gleichzeitig sind die Frauen quasi als Zeuginnen aufgerufen, um gegen allzu entfesselten Fortschrittsglauben auszusagen. Alle drei finden sich im Fadenkreuz eines sonderbaren Söldners wieder; daraus zieht der Wissenschaftsthriller seine Spannung.
Erzählt wird das alles aber aus der Erinnerungs-Perspektive des Söldners; der klar zu Protokoll gibt, dass er seine Erinnerungen als Abrechnung mit einer Epoche verstanden wissen will, in der die Menschen von korrupten Mächtigen vom Leben entfremdet und zu Handlangern ihrer Wissenschaften geworden sind; Stichworte hierzu (und natürlich Inhalt des Romans) sind: Tschernobyl, bakteriologischer Kriegsführung oder Human Genom Projekt.
Der Erzähler berichtet uns aus dem Gefängnis heraus, dass er die Frau die er liebte getötet hat. Einerseits war sie Expertin für künstliches Leben, andererseits unfähig, sich für einen geeigneten Partner zu entscheiden und lebenskluge Entscheidungen zu treffen. So konstruiert JV Lebensläufe, Wissensgebiete und gesellschaftliche Situation zusammen… als Konstellationen aus Intelligenz und Unfähigkeit. Das führt er an einer ganzen Reihe von Figuren vor, deren Biographien über Verwandtschafts- und Bekanntschaftsbeziehungen letztlich alle miteinander verbunden sind. Intelligenz wird fast ausschließlich eingesetzt um Karriere zu machen; selten um Verantwortung zu übernehmen. Die handelnden Personen sind erfolgreiche Forscher, Politiker und Banker. Doch die Abgründe jenseits des Erfolgs sind tief; ganz aktuell, am Beispiel aus dem Milieu der Börsenspekulanten deutlich gemacht.
Mehrfach betont der Erzähler, dass er diese Geschichten nicht gerne vor uns ausbreitet. Auch er ist ein Gebrochener… einst hat er sich mit Enthüllungen über Korruption in Russland einen Namen gemacht, und empfindet sich nun als gescheitert; seine heldenhaften „sowjetischen“ Erinnerungen aus Afghanistan nützen ihm auch nichts mehr.
* * *
Wie nun schon in einer ganzen Reihe meiner Besprechungen ausgeführt habe, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne eine eigentlich „wesensfremdes“ Genre, um es sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen; in diesem Fall also ein Wissenschaftsthriller. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken, in dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in populäre Form bringen, um sie so einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
JV unternimmt nicht weniger als den Versuch, eine plastische Vorstellung des zwanzigsten Jahrhunderts zu vermitteln und in einem intelligent konstruierten Roman eine politische Anklage gegen inhumane Zustände zu formulieren. Er ist der Überzeugung, dass eine der großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts die Emanzipation der Frauen war und er wollte (wie er selbst zu Protokoll gibt), dass dieser Roman über die großen Umwälzungen, die fast alle von Männern vorangetrieben wurden, aus der Sicht einiger sehr unterschiedlicher Frauen erzählt wird. Sowohl Frauen, die diesen Veränderungen zum Opfer fallen, als auch solchen, die sie aktiv gestalten und davon profitieren.
JV ist der Auffassung, dass so wie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von der modernen Physik bestimmt war (was schließlich in Hiroshima gipfelte und nach Tschernobyl führte), sei es heute vor allem die Genetik und die Ökonomie, mit der man sich auseinandersetzen müsse. Er führt Themen zusammen, die man so noch nicht oft zusammengeführt sah. Der Fall der Berliner Mauer markierte für ihn den Triumph des egoistischen Individuums; wie es das kapitalistische System postuliert und wie es der Kommunismus zu ändern versuchte. Deshalb bringt er in seinem Roman z.B. das Humangenomprojekt mit dem Ende der Sowjetunion zusammen.
Sein Buch beginnt schlägt einen Spannungsbogen von der Weltwirtschaftskrise 1929 zum Heute. JV erzählt in der – wie ich finde – spannenden Handlung, ganz beiläufig, wie es dem Kapitalismus in den folgenden Jahren gelang, sich neu zu formieren und am Ende sogar die ökonomische und ideologische Oberhand gewinnen konnte. Insofern ist es auch im Hinblick auf die aktuelle Situation sehr interessant. JV gibt zu Protokoll: „Nachdem man zwanzig Jahre lang die Herrschaft freier Märkte behauptet und die Verschlankung des Staates gepredigt hat, befindet sich die Welt wieder in einer erheblichen Krise, und die, die das Ende der Geschichte ausgerufen haben, fordern heute, dass der Staat stärker ins globale Wirtschaftsgeschehen eingreife.“ Es ist nicht klar, ob sich derzeit das Ende Amerikas ankündigt, aber vielleicht sollten wir versuchen, die beiden zentralen Ideen des Sozialismus, auch wenn sie von den Diktaturen so gründlich diskreditiert worden sind, neu zu beleben: die Solidarität und die Brüderlichkeit. es wird sich jedenfalls bald zeigen, ob der Kapitalismus wieder auf die Beine kommt, oder ob es notwendig ist, ein anderes Modell stark zu machen.“
* * *

Für diejenigen die mich kennen und regelmäßig lesen, muss ich sicherlich nicht extra sagen, dass ich – auch wegen der politischen Übereinstimmungen mit dem Autor – dieses Buch als großen Wurf bezeichne. Aber ich möchte es auch denjenigen ans Herz legen, die sich lesend einiges Stunden spannende Unterhaltung angedeihen lassen wollen; die ist nämlich, meiner Ansicht nach, garantiert, denn wir halten eine Kriminalgeschichte, einen Wissenschaftsthriller – eingebettet in ein Panorama der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts – in Händen.
Ich habe ja schon gestanden, dass ich mit meinem oberflächlichen Wissen von Physik und Wissenschaftsgeschichte beim Klingsor-Projekt ziemlich überfordert gewesen bin. Da es sich bei „Zeit der Asche“ um populärere Wissensgebiete geht, war es mir möglich dem Roman mühelos zu folgen und als Leser, ganz nach den Vorstellungen der Gruppe „Crack“ zum Komplizen des Autors zu werden. Vielleicht muss ich ja gar nicht mehr schreiben… aber ich möchte es dennoch ausdrücklich dokumentieren: Das Buch war einer jener literarischer Glücksmomente, wie man sie (leider) sehr selten erlebt.
Gewiss, ich habe – besonders in der sog. Bürgerlichen Presse – auch die Kritik gelesen, dass "Zeit der Asche" so etwas wie „The Best of Tagesschau“ sei. Aber nur weil einem der politische Inhalt nicht passt, kann man einen Roman für seine fulminante Erzählweise loben; was ich regelmäßig z.B. bei Mario Vargas Llosa tue (auch hier bei Ciao vorgestellt). Angesichts dessen was JV versucht, kann ich nur sagen, dass dieses gigantische Projekt des Autors vorzüglich gelungen ist. Natürlich ist das kein Buch, das man einfach mal eben liest, aber für diejenigen, die sich leidenschaftlich für gute Literatur begeistern, ist es eben ein Glücksmoment… klug erzählt und äußerst spannend wie ein Krimi bis zum Schluss.
Und wem das noch nicht genügen sollte, dem sei von größeren Geistern als ich es bin, etwas über JV gesagt. Ich möchte zwei von mir sehr verehrte Kollegen (beide hier bei Ciao vorgestellt) zu Wort kommen lassen, deren Werke ich ebenfalls zu diesen Glücksmomenten zähle. Der große Mexikaner Carlos Fuentes sagte über Jorge Volpi: „Jetzt kann ich mich getrost zur Ruhe setzen, denn nun habe ich meinen Nachfolger gefunden.“ Der Träger des Nobelpreises für Literatur, Gabriel García Márquez, wird zitiert: „Ich möchte den einzigen Schriftsteller beglückwünschen, der besser ist als ich.“
Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (840 mal gelesen)
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Erinnerung an die Toten
Rezensionen Anonymous schreibt "
Erinnerung an die Toten
Gabriel Trujillo Muñoz
252 Seiten - Broschur
Verlag: Unionsverlag Zürich - Aus 2007
ISBN: 978-3-293-00378-1
14.90 €uro
Antiquarisch billiger

Pro:
Schnörkellos und ohne Pathos erzählte Schrecklichkeiten
Kontra:
Das eine oder andere Klischee…


Im Zentrum des Randes

Menschenrechte. In der „Erklärung der Menschenrechte“ durch die Vereinten Nationen von 1948 und in der „Konvention zum Schutz der Menschenrechte“ durch den Europarat von 1950, wurde festgestellt, dass jedem Menschen von Natur aus – also durch die Tatsache seiner Geburt – gewisse unverlierbare und unantastbare Rechte zustehen; was so erstmals die Französische Nationalversammlung von 1789 erklärte. Sie sollen vor allem Übergriffe des Staates verhindern und den Staat verpflichten die Würde des Menschen schützen. Das hat natürlich seine Geschichte, denn wo Rechte definiert werden, gab es dafür eine Notwendigkeit das zu tun.
Die ursprünglich definierten Rechte sind: Das Recht auf Leben, Freiheit und Unverletzlichkeit der Person, Gleichheit, Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Eigentum und das Widerstandsrecht. Im 19. und 20. Jahrhundert fanden, im Zuge der Demokratisierung vor allem in Europa, weitere Rechte allgemeine Anerkennung: Wahlrecht, Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit, Recht auf gerechten Lohn, Urlaub und Streik und das Recht auf Bildung; die auch als demokratische Mitbestimmungsrechte und soziale Rechte bezeichnet werden.
Die Menschenrechte wurden zwar sehr oft feierlich proklamiert und in Verfassungen aufgenommen (auch unser Grundgesetz ist eine Menschenrechts-Verfassung), diese Rechte wurden und werden aber täglich in aller Welt gebrochen und sogar mit Füssen getreten. Bei den Rechtsbrechern finden wir beileibe nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den sog. unzivilisierten Staaten – die sog. zivilisierten Länder, sind mit von der Partie (z.B. am Grenzzaum zwischen den USA und Mexiko), wenn es darum geht, z.B. im Namen der Profitabsicherung von Unternehmen, Menschenrechte zu missachten oder zumindest Menschenrechtsverletzungen widerspruchslos hinzunehmen.
Bevor wir jedoch die USA (wieder einmal) scheel anschauen, vergessen wir nicht, dass sich auch die EU auf die Einhaltung der Menschenrechteverpflichtet hat… und ein ebensolches martialisches Grenzregime betreibt wie die USA. Das EU-Grenzsicherungssystem Frontex, das Menschen zu immer gefährlicheren Fluchtwegen treibt, weil es keine ungefährlichen Wege mehr offen lässt, ist dafür verantwortlich, dass vor den Küsten Italiens, Maltas, Griechenlands und Spaniens von 1993 bis 2012 bereits mehr als 17.000 Menschen (im selben Zeitraum starben am Grenzzaun Mexiko/USA ca. 2000 Menschen) umgekommen sind. Diese Menschen sind aber vor Kriegen und Verfolgung, aus Elend und existentiellen Gründen auf der Flucht, die auch von Europa verursacht werden.
International ist die Situation überall dort, wo Regierungen sog. Freihandelszonen oder – noch schlimmer – Exportproduktionszonen (EPZ) eingerichtet haben, himmelschreiend. In Mexiko, direkt an der Grenze zur USA, liegt eine der größten und brutalsten EPZ, die hier Maquiladoras genannt werden: Tijuana. Die USA, die Erfinder der Menschenrechts-Verfassung, haben nicht nur kein Problem damit, sondern pressen von der Arbeitskraft bis zum bloßen Mensch-Sein alles aus den Menschen, die gezwungen sind in dieser EPZ zu leben.
***
Und hier ergibt sich der Zusammenhang mit dem hier zu besprechenden Buch – das nicht etwa eine Veröffentlichung über die sozialen Missstände in solchen Exportproduktionszonen ist, sondern ein Kriminalroman; besser gesagt, es handelt sich um zwei kurze Krimis von einmal ca. 180 und einmal ca.60 Seiten: „Erinnerung an die Toten“ von Gabriel Trujillo Muñoz. Das Buch enthält zwei ältere Texte des Autors, ist aber im Original auch erst 2006 in Mexiko-City erschienen. Vor Jahren schrieb ich, dass es dem Unionsverlag aus Zürich wieder einmal gelungen sei, einen hierzulande völlig unbekannten Autor aufzuspüren und uns vor die geneigten Augen zu bringen. Nun, am Bekanntheitsgraddieses Autors hierzulande hat sich – bedauerlicherweise – kaum etwas geändert.
In genau der oben genannten Landschaft, der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko, sind die beiden Geschichten angesiedelt. Ich möchte natürlich nicht die Behauptung aufstellen, dass das Buch sozusagen als Reportage zu lesen sei, aber ich möchte hier einmal mehr auf die Rolle der Kriminal-Literatur in Lateinamerika hinweisen. Dazu zitiere ich einen Textabschnitt, den ich anderweitig schon verwendete: Wenn man ganz allgemein davon spricht, dass in anspruchsvollen literarischen Werken oft nicht das zu lesen ist, was Autorinnen und Autoren eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, dann nehmen wir das als eine Selbstverständlichkeit hin. Das trifft gerade bei der Krimi-Literatur nicht zu – meist nehmen wir sie als reine Unterhaltung. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren aber eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.
Als Beispiele können hier Leonardo Padura, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Tatsache ist, dass ich – im allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser – in dieser Form des Geschichten-Erzählens, ebenso anspruchsvolle Literatur entdecken kann, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Vielleicht ist das nicht einmal mehr typisch für Lateinamerikanische Literatur, weil es in anderen Literaturen ebenfalls solche Tendenzen gibt… aber das sollen dann andere Rezensenten aufarbeiten.
***
In diesem Fall muss ich – aufgrund der biographischen Daten – davon ausgehen, dass der Autor von den unsäglichen Zuständen an der us-amerikanisch/mexikanischen Grenze genaue Kenntnis hat. Um meine These etwas besser zu untermauern, stelle ich den Autor kurz vor: Gabriel Trujillo Muñoz (kurz GTM) wurde 1958 in Mexicali in Baja California geboren, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Dort verbrachte er auch seine Kindheit und Jugend. Über seinen familiären Hintergrund konnte ich nichts weiter ermitteln… aber vielleicht kommt es darauf auch nicht so an, sondern darauf, was er aus sich gemacht hat und vor allem darauf was er tut.
GTM studierte an der Universität von Guadalajara Medizin. In den Achtzigerjahren – er arbeitete damals als Chirurg – nahm er intensiv am künstlerisch-intellektuellen Leben Mexicalis teil und begann, Essays, Lyrik und Romane zu schreiben, die das Leben in der Grenzregion reflektierten. Mit der zunehmenden Professionalisierung des nordmexikanischen Literaturbetriebs in den letzten Jahren trat die Medizin immer weiter zurück, und das Schreiben wurde zu seinem Hauptberuf.
GTM ist heute einer der meistveröffentlichten Autoren seiner Heimat. Zudem hat er eine Professur für Kommunikationswissenschaften an der Universidad Autónoma de Baja California inne und fungiert als Herausgeber der Zeitschrift Semillero. In all diesen Funktionen steht sein Engagement für die Einzigartigkeit der sog. Frontera und ihrer kulturellen Identität im Mittelpunkt. Diese Grenze, an der die USA und Mexiko, reich und arm, Norden und Süden so radikal aufeinandertreffen und Menschen und Drogen gehandelt werden, ist seine Kontrastfolie für die nationale Identität Mexikos, aber auch ganz allgemein für den Menschen an der Wende zum 21. Jahrhundert.
Von besonderer Bedeutung hierbei ist die Kriminalliteratur. Erstmals wandte sich GTM diesem Genre 1987 zu, aber erst mit dem „Auftauchen“ seiner Detektiv-Figur Miguel Ángel Morgado, ein auf Menschenrechte spezialisierter Anwalt, wurde er damit richtig erfolgreich. Mit GTM hält in die mexikanische Kriminalliteratur eine neue, periphere Sichtweise Einzug und der Autor war Mitinitiator eines regelrechten Krimibooms Mitte der Neunzigerjahre in Mexiko, der mit der bis dahin in der Literatur vorherrschenden Konzentration auf die Hauptstadt brach und das gesamte Land als literarischen Schauplatz von Korruption, Verrat, Sehnsüchten und Leiden entdeckte.
GTM wurde mit zahlreichen Preisen für sein sehr umfangreiches Werk (130 Bücher… nicht nur Krimis) gewürdigt. So erhielt er beispielsweise den Premio Estatal de Literatura 1992 in der Kategorie Kulturjournalismus, 1994 in der Kategorie Roman, 1994 und 1996 in der Kategorie Poesie und 2000 in der Kategorie Erzählung, Zudem erhielt er 1998 den Premio Excelencia Frontera, 1999 den Premio Narrativa Colima und 2004 den Premio Nacional de Poesía Sonora.
 „Erinnerung an die Toten“ (180 Seiten)
Die Stimmung in der „Frontera“ ist nicht so recht zu beschreiben. Alles ist in Unsicherheit, niemand ist sich seines Lebens sicher, im Alltag scheint alles aus Gewalt zu bestehen und Besserung ist nicht in Sicht. In „Erinnerung an die Toten“ bringt GTM das Unsagbare in drei kurzen Sätzen auf den Punkt und eröffnet so seine Story: "Der Tag erwachte in Mexicali, so als ob die Welt verwundet wäre: eine rötliche Staubwolke bedeckte den Himmel. Kein Vogel am Himmel. Das Leben erwachte mit einem aufsteigenden Flugzeug, das seine erste Ladung Insektizide über die sich zu beiden Seiten der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten erstreckenden Rüben- und Zwiebelfelder versprühte."
Das ist das Umfeld, die Landschaft, zwischen Mexiko und den USA. Es ist kein Geheimnis, dass hier Menschenleben nicht viel zählen. An der Grenze zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden zählen nur Dollars… ganz gleich wie sie erworben wurden. Hier arbeitet Miguel Angel Morgado als Rechtsanwalt. Während Politiker in Skandale und Affären verstrickt sind und Drogenbarone durch Gewalt den öffentlichen Raum korrumpiert und übernommen haben, kann man Miguel Angel Morgado nicht kaufen.
Dieser Anwalt wird von einer Frau beauftragt, die Vergangenheit ihrer Familiengeschichte zu durchleuchten und die Hintergründe des Todes Ihres Vaters heraus zu finden. Dieser Mann war einst berühmt, ja geradezu legendär… Emilio Esquer Laguna, so sein Name, war einst Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates Baja California. Nach den polizeilichen Akten, starb er 1963, kurz vor dem Attentat an John F. Kennedy, unter fraglichen Umständen im Bett einer Prostituierten – Herzinfarkt. Bertha, so der Name der Tochter, traut sich nun – Jahrzehnte später – der Wahrheit ins Auge zu blicken und die wirklichen Umstände seines Todes ans Licht zu bringen. Sie zweifelt schon lange an der offiziellen Version und hat auch schon selbst geforscht, nun kommt sie nicht mehr alleine weiter.
Doch bevor Morgado seine Ermittlungen aufnehmen kann, muss er Bertha in Sicherheit bringen, denn ihre bohrenden Fragen scheinen Geister der Vergangenheit geweckt zu haben. Einerseits ist der Fall ist überaus heikel, weil Morgados Auftraggeberin gleichzeitig die Schwester von John Salivie ist, Senator im benachbarten Kalifornien, andererseits kann er gerade deshalb Bertha mitsamt ihrer Hausdame und ihrem Bodyguard nach Kalifornien bei ihrem Bruder sicher unterbringen. Gleichzeitig gibt sein Aufenthalt in Kalifornien dem Anwalt die Gelegenheit alte Spuren aufzunehmen, denn der alte mexikanische Gouverneur starb in einem Motel auf der us-amerikanischen Seite der Grenze.
Die Ereignisse sind in Bewegung geraten und der Fall verkompliziert sich. Je mehr er ermittelt, umso widersprüchlicher erscheinen die skandalösen Vorfälle von einst. Morgado, der erfahrene Anwalt und Ermittler, ahnte es schon, dass er (wieder einmal) in eine sehr schmutzige Geschichte geraten war, die unter Umständen tödliche enden wird. GTM bringt es folgendermaßen auf den Punkt: "So war sie, die Welt von heute: ein Hinterhalt. Das Gesetz des Stärkeren im öffentlichen wie im privaten Leben. Es gab keine Landeshoheit mehr und keine unverletzlichen Grenzen. Handschuhe waren überflüssig. Die Schläge kamen direkt. Ohne Schiedsrichter." Ihm wird allmählich klar, dass bei all den politischen Verstrickungen der Wahrheit und Gerechtigkeit wohl kaum zu ihrem Recht verholfen werden kann.
„Schmierenkomödie“ (60 Seiten)
Wie schon in seinem Werk „Tijuana Blues“ (auch hier bei Ciao vorgestellt), sind auch in diesem Buch mehrere Geschichten enthalten; genauer gesagt: zwei. Gewiss nicht als Zugabe gibt es noch die Kurzgeschichte „Schmierenkomödie“. Hier zeigt sich GTM als meisterhafter Erzähler, der elegant, spritzig und mitreißend eine Geschichte voller überraschender Wendungen erzählen kann. Natürlich tritt Morgado erneut in Aktion. Der Anwalt wartet auf seinen Flieger und lässt gedanklich die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren. Auch in dieser Geschichte geht es um die „Frontera“… diesmal nicht um korrupte Politiker, sondern um Drogenschmuggel und dem große Reibach.
Trotz aller Kürze, enthält die Kurzgeschichte alle Zutaten eines spannenden Krimis: Tote Briefkästen, falsche Anwälte und Agenten. Sie alle sind hinter einem vermissten Hubschrauber her. Auch in diese Geschichte ist der Ermittler wieder einfach so rein geraten: Der Pilot des Hubschraubers ist der Ehemann von Morgados Schulfreundin Cecilia. Bald musste er spüren, dass er nur als Marionette in einem abgekarteten Spiel zwischen mexikanischer Bundespolizei und US-Geheimdienst fungiert. Die Trennlinien zwischen Strafverfolgern und Verbrechern, zwischen der politischen Klasse und mafiösen Strukturen sind unscharf, und es ist selten eindeutig, wer eigentlich hinter wem her ist und wer wen manipuliert – wenn es dem eigenen Vorteil oder der Staatsräson dient. Doch diesmal geht die Geschichte gut aus… oder, besser gesagt, nicht ganz so schlecht für ihn.
***
GTM beeindruck mich einmal mehr mit der Anlage seiner Geschichten: Er schreibt eben nicht nur eine x-beliebige Kriminalgeschichte mit einem gewissen Lokalkolorit, sondern – ganz in der oben beschriebenen Art der lateinamerikanischen Autoren. Mindestens genauso spannend wie der Plot der Krimis an sich, sind die Darstellungen der immensen und in Gewalttätigkeit mündenden Interessengeflechte und -konflikte, die zwischen reichen und armen Ländern herrschen. Diese stellen sich zwar an jener unsäglichen Grenze zwischen den USA und Mexiko dar, weisen aber auch ganz allgemein darauf, dass in Zeiten der Globalisierung, mit all ihren ökonomischen und sozialen Konflikten, dass Verbrechen und Korruption überall dort zu einembestimmenden Faktor werden, wo die politische Kontrolle (wegen ökonomischem Druck, schwacher öffentlicher Ausstattung oder weil die eigentlich verantwortlichen Personen geschmiert sind…) versagt.
Es ist kein Zufall, dass GTM solche Zusammenhänge herstellt, denn er erlebt sie seit seiner Jugend und schließlich liefern sie den spannenden Stoff für seine Erzählungen. Schließlich ist die Frage, wie diese Geschichte begonnen hat und welche Zusammenhänge sich hinter den herrschenden Zuständen verbergen, nicht minder spannend. Überdies stellt GTM in diesem Krimi unter Beweis, dass es auch in diesem Genre einen Unterschied macht, ob ein Autor in der Lage ist, in dieser einfachen Krimi-Sprache Sinn für die Poesie zu entwickeln… und so über den ach so klassischen Detektiv-Roman hinaus zu gelangen. Hinzu kommt sein Protagonist: Er ist der Mann, der Autorität und Vertrauenswürdigkeit verkörpert und seine unaufgeregte Art macht ihn zu einem Sympathieträger. Keine Frage, diese Figur spielt für die Qualität des Romans eine herausragende Rolle.
Aber natürlich erschöpfen sich die Qualitätsmerkmale nicht allein in der Figur des Detektivs. Die Storys von GTM (jedenfalls alle, die ich kenne) sind in sich schlüssig und sehr gut durchdacht. Sein Erzählstil „zeigt klare Kante“ und er erzählt mit großer Klarheit. Seine Sprache ist trocken prägnant, dabei immer wieder bildreich und assoziativ, sie erzeugt Tiefgang. Nicht vergessen will ich, seinen schwarzen Humor zu erwähnen, der aber nie ins Zynische abdriftet. In diesen beiden Geschichten sind keine Längen zu bemerken, zeigt sich kein Spannungsabfall und passiert oft Überraschendes. GTM muss seine schriftstellerischen Absichten nicht extra erläutern und es bedarf des in dieser Ausgabe enthaltenen kurzen Manifest "Miguel Ángel Morgado: Die Wurzeln des Grenzdetektivs" eigentlich nicht.
Wie ich schon in meiner Besprechung von „Tijuana Blues“ schon feststellte: Ich bin von diesem Autor und auch von diesem Buch ziemlich begeistert. Damals gab ich zu Protokoll, dass ich als ein nach neuer Literatur Suchender, auf ein Meisterwerk gestoßen bin. Ich bezeichnete damals GTM als Entdeckung des Jahres. Es ist wunderbar, wenn man seine Ansichten in einer weiteren Veröffentlichung desselben Autors bestätigt bekommt. Nach wie vor hat GTM die Themen die mir am Herzen liegen, er untersucht die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart und versteht sein Handwerk so gut, dass er sich nicht vor den Klassikern des Genres verstecken muss… doch hat er dem Genre nicht nur eine weitere interessante Detektiv-Figur hinzugefügt, sondern etwas ganz Eigenes, ganz Unverwechselbares geschaffen.

Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1100 mal gelesen)
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Brasilien erzählt
Rezensionen Anonymous schreibt "
Brasilien erzählt
Christiane Freudenstein (Hrsg.)
336 Seiten – Taschenbuch
Verlag: Fischer Taschenbuch – Aus 8/2013
ISBN: 978-3-596-51311-6
12,- €uro

Pro:
Ein kleines Buch mit großen Erzählern
Kontra:
Ein Lesebändchen wäre chic gewesen


Brasilien ist mehr als die WM


Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, soll der Nobelpreisträger Niels Bohr einmal gesagt haben. Das trifft offenbar auch auf Brasilien zu, denn schon 1941 hatte der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig, in seinem Buch „Brasilien – ein Land der Zukunft“, dem Land eine glorreiche Zeit prophezeit. Das wollte so recht niemand glauben, selbst die Brasilianer nicht, und es wird kolportiert, dass sie dem Buchtitel trotzig anfügten: „…und wird es immer bleiben“. Nun, heute haben wir es mit einem gänzlich anderen Brasilien zu tun und es ist müßig darüber nachzudenken, ob die Prognose aus der Mitte des 20. heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, ihr Zutreffen fand, oder ob der heutige Stand erreicht wurde trotz der, jener Prognose zugrunde liegenden, Parameter.
Brasilien ist ein selbstbewusstes Land und schaut man auf seine über 500jährige Geschichte, haben die Brasilianerinnen und Brasilianer allen Grund dazu. Nach Kolonialismus, dem mühseligen Weg bis zur Unabhängigkeit, dem späten Ende der Sklaverei (als letztes Land Lateinamerikas 1888), die Zeit der Monroe-Doktrin und der „big stick“-Politik, als ganz Lateinamerika eigentlich nur ein Hinterhof der USA war, nach versuchten Revolutionen und furchtbaren Militärdiktaturen, hat das Land den Status als „Dritte-Welt-Land“ hinter sich lassen können. All dies ist Vergangenheit.
Gewiss ist der sprichwörtliche Lack vom Beginn des Jahrtausends, als in Brasilien – ob der wirtschaftlichen Zuwachsraten – noch wahrlich grenzenloser und allgegenwärtiger Optimismus herrschte, etwas abgeblättert; gerade jüngst sorgten Spekulanten für Turbulenzen, als sie Kapital aus dem Land abzogen. Trotzdem zählt Brasilien als Mitglied des BRICS-Quintett (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zu den wirtschaftlich erfolgreichen Schwellenländern.
Dazu kommen verschiedene Großereignisse, die im Land dafür sorgen, dass in diesen Jahren gigantische Bauprojekte in Arbeit sind: die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Darüber hinaus wird 2015 der 450. Geburtstag von Rio de Janeiro gefeiert, das zwei Jahrhunderte lang (1753-1960) die beliebte Hauptstadt des Landes war. Zwar geriet Brasilien selbst hierzulande in die Schlagzeilen, weil auf den Baustellen der Arbeitsschutz nicht funktionierte, doch das ficht die Planer nicht an.
Da haben es die Regierenden schon nicht ganz so einfach: Die gigantischen Probleme, angefangen von der krassen sozialen Ungleichheit, den Favelas mit ihrer Gewalt und Drogenkriminalität, die teure und trotzdem mangelhafte (weil privatisierte!) Infrastruktur, unzureichende Krankenversorgung, gewaltige Transportprobleme, unzureichende Ausbildungsmöglichkeiten etc., sind nicht so einfach zu beseitigen.
Und wir sollten uns beim Betrachten der Sportereignisse daran erinnern, dass es bestürzende Gewalttätigkeiten und Übergriffe der Polizei bei der „Befriedung“ der Favelas gab und dass jüngst, im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft, massenhafte gegen Korruption und Verschwendung öffentlicher Mittel für die „Events“ (Mittel die dringlich erforderlich sind für den Ausbau notwendiger Infrastrukturen für das Volk) protestiert wurde und noch immer wird.
***
Natürlich will ich nicht vergessen, dass der Grund für diese Buchbesprechung kein Sachbuch über die aktuelle Lage in Brasilien ist, sondern dass es um einen Band mit ausgewählten Erzählungen brasilianischer Autorinnen und Autoren geht: „Brasilien erzählt“. Die brasilianische Literatur ist, wie der Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz in seinem Essay „Erkundung der lateinamerikanischen Literatur“ schrieb, im Kanon der Lateinamerikanischen Literaturen ein „Spätankömmling“ und eigentlich könne man erst ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts von Brasilianischer Literatur sprechen.
Dafür, dass sie spät kam, verlief ihre Entwicklung in der ersten Jahrhunderthälfte so großartig, dass sie schon seit den 1960er Jahren weltweit gelesen und bewundert wurde. Sicher haben auch brasilianische Autorinnen und Autoren auch vom sog. „Boom“ profitiert, während dem auch Werke übersetzt wurden, die es qualitativ sonst international eher nicht geschafft hätten. Aber einige brasilianische Autoren wurden auch als Kandidaten für den Nobelpreis gehandelt: der Romancier Jorge Amado und die Lyriker Carlos Drummond de Andrade und Joao Cabral de Melo Neto. Aber während ersterer politisch zu links stand um beim Komitee Anklang zu finden, hatten die beiden anderen (oft genannten) das Pech, dass sie vor einer möglichen Ehrung starben.
Ein Querschnitt durch die Brasilianische Literatur insgesamt, muss also mit einem Rückgriff auf jene Autoren starten, wobei natürlich auch die aktuellen Künstler nicht fehlen dürfen. Die Literatur Brasiliens entwickelte sich trotz der Repressionen (Zensur) durch Diktatoren und Militärs, damit werden natürlich auch die Künstler jener Epoche ein wichtiger Bestandteil einer Anthologie sein müssen; auch jene, die im Exil schrieben, also wenn man so will, muss auch brasilianische Exil-Literatur vorgestellt werden, ohne die aktuelle Literatur nicht denkbar wäre.
Mit der Demokratisierung und der politischen Öffnung Brasiliens, ab etwa 1979, kam es zu einer neuen Blüte in der Literatur Brasiliens. Sicher auch unter dem Einfluss des sog. Magischen Realismus im übrigen Lateinamerika, traten viele Künstler hervor, die wahrlich wunderbar erzählten; z.B. Joao Ubaldo Ribeiro, der mit „Brasilien, Brasilien“, ein Meisterwerk der Weltliteratur vorlegte (auch hier bei Ciao vorgestellt). Dann aber kam ein Bruch, es fiel und fällt den Schriftstellern seit den 1990er Jahren immer schwerer, Aufmerksamkeit und Interesse bei der Leserschaft zu finden.
Vielleicht hängt das mit dem (Medien-)Konsumverhalten des Brasilianischen Publikums zusammen, das lieber Seifenopern im TV anschaut, anstatt Bücher zu lesen. Für die Autoren ist es deutlich lukrativer, für die Fernsehsender oder die Werbeindustrie zu schreiben, als einen Roman zu publizieren, mit dem man nur ein mühseliges und kümmerliches Dasein fristen könnte, wenn man davon leben wollte oder müsste. Die gute Nachricht ist: es gibt die große brasilianische Erzähltradition noch und es gibt wieder eine Vielzahl neuer Stimmen; auch wenn kaum einer der jungen Autorinnen und Autoren wirklich glaubt, den Lebensunterhalt allein durch das Schreiben von Büchern bestreiten zu können.
Für jene die sich mit der literarischen Weltgegend intensiver beschäftigen steht fest: Es gibt so etwas wie kreative Unruhe und das unübersehbare Bemühen junger Schreibenden; was auch bei der Buchmesse Frankfurt zum Ausdruck kam, bei der Brasilien 2013 Gastland gewesen ist. Insofern wäre eine Anthologie mit dem Titel „Brasilien Erzählt“ nicht vollständig, wenn nicht auch diese ganz jungen Leute zu Wort kämen. Ihre Texte sind eine Einladung, sich mit Brasilien näher zu beschäftigen, das faszinierende Land mit Hilfe ihrer Texte etwas besser kennenzulernen, als es sicher durch das Anschauen einer Sportübertragung möglich wäre. Dafür ist der Herausgeberin Christina Freudenberg innig zu danken.
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Christina Freudenberg, *1958, ist Germanistin und Bibliothekarin. Nach Lektoratstätigkeit für das „Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ hat die Redakteurin von „Kindlers Literatur Lexikon“ verschiedene Anthologien herausgegeben.
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Zum Inhalt der Anthologie: Der gebotenen Kürze wegen, möchte ich lediglich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und die von ihnen beigesteuerten Titel kurz aufzeigen. Zu den biographischen Daten der jeweiligen Autorinnen und Autoren sowie den Quellen der Beiträge, gibt es einen umfangreichen Anhang, weswegen ich es mir ersparen kann, diese Angaben hier zu machen; wenn hier bei Ciao schon eine Besprechung vorliegt, mache ich einen *Vermerk. Der in die Anthologie aufgenommene Essay von Stefan Zweig verdient Erwähnung; auch wenn es ihm natürlich an Aktualität fehlt, so wirft er dennoch ein Schlaglicht auf die Kultur Brasiliens.
Zè do Rock* – Brasilianischer Piranha-Grill
Ein witziges kleines Stück, über die Schwierigkeiten für Deutsche Piranhas zu grillen und für Piranhas Deutsche zuzubereiten…

Carlos Drummond de Andrade – Feldpredigt (der kein Gehör zu schenken ist)
Der Form nach scheinen es Seligpreisungen aus dem Matthäus-Evangelium zu sein… dem Sinn entsprechend, sind es allerdings Satiren auf die Fußball-Fanatiker.

Joao Ubaldo Ribeiro* – Erinnerung an Bücher
Aracaju, die Hauptstadt des kleinsten brasilianischen Bundesstaats (etwa so groß wie die Schweiz). Das Leben ist beschaulich, den Leuten geht es leidlich gut. Wo es den Menschen gut geht, gibt es auch Bücher.

Vinicius de Moraes – Samba des Segens
Es ist besser froh zu sein, denn Frohsinn ist wie Licht im Herzen. Um aber einen wirklich schönen Samba zu machen, braucht man schon ein bisschen Traurigkeit… was kaum jemand weiß, der Samba stammt aus dem Fado.

Stefan Zweig* – Blick auf die brasilianische Kultur
Ein Essay über Brasilien aus den 1940er Jahren. Natürlich fehlt die Aktualität, doch der Brasilien-Freund Zweig zeigt auch tiefer liegende Details, die zeitlos sind.

Joao Guimaraes Rosa – Substanz
Bräuche, Sitten, Gepflogenheiten auf dem Lande, stehen im Ruf nicht eben besonders fortschrittlich zu sein… hierzulande nicht und in einem Land Lateinamerikas erst recht nicht. Dennoch wird dort geliebt.

Afonso Henriques de Lima Barreto – Der Mann, der Javanisch konnte
Eine Abenteuergeschichte, in der z.B. ein Arzt aus Manaos erzählt, er habe den Patienten verschwiegen, dass er Medizin studiert habe, damit er ihr Vertrauen nicht verliert; sie kamen zu ihm, weil sie ihn für einen Zauberer hielten.

Jorge de Lima – Vater Joao
Ein erschütterndes Gedicht.

Moacyr Scliar – Produktionsverhältnisse
Überall Automatisierung… auch bei der Lohnabrechnung. Computer machen einfach keine Fehler und wenn dem Mitarbeiter das 10fache Gehalt überwiesen wurde, dann – meint der Buchhalter – hat das seine Richtigkeit.

Jorge Amado* – Vom Tod des Pedro Archanjo
Man sagt, in den letzten Momenten, zieht uns das ganze Leben noch einmal vor dem inneren Auge vorbei. Bei Pedro Archanjo stimmt das nicht…

Manuel Bandeira – Die Landstraße
Eine lyrische Analogie

Joao Chabral de Melo Neto – Die beiden Städte
Ein langes Gedicht über die brasilianische Großstadt… die in sich zwei Städte ist.

Aluizo Azevedo – Die Mutter
Die Erzählung berichtet vom latenten und offensichtlichen Rassismus in Brasilien. Auch wenn die Sklaverei offiziell abgeschafft ist, ist sie noch da.

Marcio Souza – Galvez, Kaiser von Amazonien
Eine in Miniaturen gegliederte Geschichte, die nicht insgesamt gelesen werden muss… Ein Beispiel der Amazonischen Literatur, für die der Autor berühmt ist.

Adélia Prado – Hochzeit
Ein erotisches Gedicht.

Nélida Pinon – Schöne Zeit
Nicht nur in Brasilien ist die sog. klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau offenbar nicht zu überwinden…

Darcy Ribeiro – Hé Muhere Té
Mütter machen die Welt, Väter machen sie ihnen streitig. Von der Heldentat der Geburt und dem Versuch des Mannes, sie klein zu reden und damit seine Bedeutung zu erhöhen…

Mario de Andrade – Macunaima
Ein klassisches Dschungelmärchen…

Chico Buarque – Schneestürme toben
Eine moderne (Beziehungs-)Geschichte eines Scheiterns.

Luis Fernando Verissimo – Müll
Über Gelegenheiten mit dem unbekannten Nachbarn ins Gespräch zu kommen; z.B. beim Müll wegbringen. Und was man aus dem Abfall über andere erfährt…

Osman Lins – Der durchsichtige Vogel
Vom Werden und Vergehen, vom Wachsen und Sterben, von Macht und Ohnmacht des Menschen…

Claris Lispector – Liebe
In der Straßenbahn, auf dem Weg nach Hause, denkt Ana über ihr Leben nach… das kleinbürgerliche städtische Leben scheint in Brasilien nicht anders zu sein wie hier.

Fernando Sabino – Ein Mensch stürzt sich zu Tode
Eduardo wohnt im Hotel. Als er vom Strand zurück kommt, fährt er zufällig mit der Frau zusammen im Aufzug nach oben, die sich später aus dem Fenster stürzte. Der Zufall wollte es, dass er sie stürzen sah und dieser Zufall hat Folgen…

Rafael Cardoso – Mariellen, Jacarepagua, 24
Die Geschichte eines Jungen im heutigen Brasilien.

Luisa Geisler – Der Orangenbaum
In Faustos Kneipe steht nur ein 20Zoll-Fernseher, überdies mit schlechtem Empfang. Trotzdem versammeln sich dort Freunde und Bekannte, um Fußball-Übertragungen zu schauen. Aber eines Abends ist es nicht wie immer…

Luiz Ruffato – Unser Treffen
Am 19. Mai eines jeden Jahres, findet seit 14 Jahren ein Treffen von fünf Leuten statt; ehemalige Aktivisten, die während der Diktatur Widerstand leisteten. Aber diese Gemeinsamkeit ist schon lange her… heute hat jeder so seine eigenen Sorgen.

Rubens Figueiredo – Solange der Pfeil fliegt
Vom inneren Konflikt einer Hotelangestellten mit dürftigem Gehalt, angesichts der vielen Reisenden, die sich offenbar alles leisten können.
***
Für mich enthielt die Anthologie durchweg anspruchsvolle Unterhaltung; was man nicht von jeder Anthologie sagen kann. Es war teilweise wie ein Klassentreffen und dem Wiedersehen von lieben Leuten, die man lange nicht sah. Hin und wieder musste ich mich fragen, warum ich bisher nicht den einen oder anderen Autoren hier besprochen habe; verdient hätten sie es wohl. Aber ich fand auch die angekündigten „neuen Stimmen“ überaus unterhaltsam und würdig, das Erzählerland Brasilien zu repräsentieren. Gratulation an die Herausgeberin.
Im Klappentext steht zu lesen: „Brasilien. Der Zuckerhut, das „Girl from Ipanema“, magische Sehnsucht, das alles kennen wir. Die unbekannte Seite des Landes, seinen besonderen Zauber, kann man durch dieses Lesebuch entdecken – mit Geschichten berühmter und unbekannter Autoren…“ Wie ich finde, sind das keine leeren – von Werbetextern platzierten – Worte, sondern der Anspruch ist eingelöst. Die köstliche Mischung von witzigen kleinen Stücken (z.B. Piranha-Grill) bis zu melancholischen Texten (z.B. Vom Tod des Pedro Archanjo), von hintergründigen Betrachtungen (z.B. Müll) bis zu ernsten Gedichten (z.B. Vater Joao) hält wahrlich für jeden Geschmack etwas bereit.
Ebenfalls witzig finde ich das Format dieser Anthologie: Das Buch hat die Maße von etwa zwei nebeneinander gelegte Bierdeckel (Maßangabe für – nicht nur – die Fußballfans), was dem Begriff Taschenbuch endlich eine stimmige Bedeutung gibt, da es denn tatsächlich in die (Hosen-)Tasche passt. Auf mehr als 300 Seiten versammelt das kleine Buch die Großen der älteren und jüngeren brasilianischen Literatur. Meiner bescheidenen Meinung nach, lässt die Sammlung die Leserschaft ein Brasilien jenseits der Klischees und der Fußball-WM und der Olympischen Spiele entdecken.
Zum guten Schluss und zur Versöhnung mit allen Fußball-Fans, denen ich ihre WM bestimmt nicht madig machen wollte, augenzwinkernd zitiert, ein Ausschnitt aus „Feldpredigt (der kein Gehör zu schenken ist)“ von Carlos Drummond de Andrade:
„Selig sind, die weder etwas von Fußball verstehen noch danach streben, etwas davon zu verstehen, denn ihnen ist das Reich der Gelassenheit.
Selig sind, die sich, weil sie etwas von Fußball verstehen, nicht dem Risiko aussetzen, den Spielen zuzuschauen, denn sie kehren nicht enttäuscht oder mit einem Infarkt zurück.
Selig sind, die nicht mit einer Mannschaft fiebern, denn sie leiden nicht das ganze Jahr, versüßt nur von wenigen Balsamtröpfchen, oder nicht einmal davon.

Selig sind, die nicht als Sportreporter arbeiten, denn sie müssen nicht das Unerklärbare erklären und vernünftige Worte für den Wahnsinn finden.
…“
Viel Spaß bei der WM

Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1042 mal gelesen)
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Tod auf der Buchmesse
Rezensionen Anonymous schreibt "
Tod auf der Buchmesse
Tailor Netto Diniz
136 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag: Abera Verlag – Aus Oktober 2013
ISBN: 3-9398-7603-8
18,95 €uro

Pro:
Erfrischend anders erzählter, humorvoller und origineller Krimi
Kontra:
Ein paar Klischees blieben

Heimtückisch

Schwellenland. Schwellenländer sind Staaten, die nicht mehr zu der Kategorie Entwicklungsland gezählt werden, die aber auch noch nicht als Industrieland gezählt werden können; so jedenfalls die allgemeine Definition, der eine Beurteilung nach bestimmten Kriterien zugrundeliegt. Ein Schwellenland ist am Anfang oder im fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung, gemessen an wirtschaftlichen Entwicklungsindikatoren. In diesem Stadium ist ein Schwellenland durch einen weitgehenden Umbau der Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, der von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung führt.
Die sozialen Entwicklungsindikatoren wie z.B. der Stand der Alphabetisierung, die Höhe der Lebenserwartung, Stand der medizinischen und/oder hygienischen Bedingungen sowie die Entwicklung einer Zivilgesellschaft sind leider in diesem Kriterienkatalog nicht maßgeblich. Auch die Kluft, der starke Gegensatz zwischen Arm und Reich oder die politischen Spannungen, der sog. Soziale Friede, gehört da auch nicht hin; Brasilien zur Zeit ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die sog. Weichen Kriterien für die Gesellschaft sind. Insofern ist der Begriff Schwellenland allenfalls ein ökonomischer Begriff, der es bedauerlicherweise in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat.
Politisch ist der Begriff von zweifelhafter Qualität, weil sich in ihm ein Oben und Unten, ein Besser und Schlechter manifestiert, was zu nichts anderem dient, als die Beibehaltung der alten Machtverhältnisse. Zum Glück sind wir auf kulturellem Gebiet schon weit über diesen Schwellenland-Sprech aus den Grüften der Kolonialzeit hinaus gelangt. Nicht von ungefähr sind die Literaturen z.B. aus Lateinamerika international sehr anerkannt und werden mit höchsten Auszeichnungen versehen und ich schätze mich glücklich, dass ich seit Jahrzehnten an diesem Prozess teilhaben darf und mein Scherflein dazu beitragen konnte und kann.
Die Bestätigung der These im vorigen Absatz, ist z.B. die schon zum wiederholten Mal erfolgte Einladung Brasiliens, sich als Gastland bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zu exponieren. Brasilien und seine vielstimmige Gegenwartsliteratur hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen. Bei Vielen hierzulande noch als ein „Dritte Welt Land“ angesehen, prosperiert Brasilien wirtschaftlich, politisch und kulturell. Seit langem ist die Brasilianische Literatur auf der internationalen Bühne angekommen.
Hin und wieder habe ich hier Titel und Autoren brasilianischer Herkunft vorgestellt und ich möchte die Tatsache „Brasilien als Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse“ zum Anlass nehmen und einen hierzulande gänzlich unbekannten Autor würdigen; sozusagen stellvertretend für die Brasilianische Literatur. Vielleicht lenkt diese Rezension, nicht nur vorübergehend, den Blick interessierter Leserinnen und Leser auf die bunte, breite Palette an
brasilianischen Autorinnen und Autoren des 21. Jahrhunderts, die – kosmopolitisch – eine grosse Fülle erzählerischer Tendenzen verkörpern, die sich kaum auf eine „für die Verhältnisse typische“ Richtung festlegen lassen.
***
Der Titel und der Autor um den es hier gehen soll, ist ganz frisch mit einer Neuerscheinung ins Licht der geneigten Öffentlichkeit getreten: „Tod auf der Buchmesse“ von Tailor Netto Diniz. Wie schon gesagt, handelt es sich hier um ein Werk der zeitgenössischen brasilianischen Literatur, genauer gesagt, handelt es sich bei diesem Werk um ein Stück Kriminalliteratur. Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen.
Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
Offenbar muss ich mich langsam von meiner Aussage distanzieren, dass ich im Allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser sei, da sich diese Form des Geschichten-Erzählens mehr und mehr in der aktuellen Lateinamerikanischen Literatur ausbreitet und ich als Leser zeitgenössischer Werke dieser Weltgegend, mittlerweile also öfter Krimis lese. Aber die Neueren Lateinamerikanischen Autoren repetieren nicht einfach die gängigen Krimiklischees, sondern sie machen aus dieser Form ebenso anspruchsvolle Literatur, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Der hier erstmalig vorzustellende Autor ist hierin keine Ausnahme, wenngleich er auf das eine oder andere Klischee nicht verzichten mochte.
***
Leider kann ich den Autor hier nicht in der üblichen Weise vorstellen, da es mir nicht möglich war, detaillierte biographische Daten in Erfahrung zu bringen, die eine auf das Werk verweisende detaillierte Vorstellung möglich machen würde. Nichts desto trotz zeigt sich auch bei diesem Autor erneut, dass für das Verstehen seines Werkes, selbst ein grober ein Blick auf seine Biographie lohnenswert ist und so möchte ich das Wenige, das ich in recherchieren konnte, zur Kenntnis geben:
Tailor Netto Diniz (kurz TND) wurde 1955 in São Paulo/Brasilien geboren. Weder über seine Herkunft noch über seine Schulzeit konnte ich etwas Genaues in Erfahrung bringen. Die wenigen Stichworte jedoch erlauben einen kurzen Blick auf die Umgebung, die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse und wenn an dem Satz „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ richtig sein sollte, dann erfahren wir auch so etwas über TND.
Die Demokratie in Brasilien lag (wieder einmal) in den letzten Zügen und bald nach der Geburt des Autors, putschte das Militär. Die politischen Verhältnisse waren von der (auch gewaltsamen) Unterdrückung der linken Opposition, der generellen Einschränkung der Bürgerrechte und einer Zentralisierung der Macht auf den sog. Präsidenten Humberto Castelo Branco geprägt. In Sao Paulo führte der Protest gegen die hohe Inflation Anfang der 1960er Jahre zur politischen Mobilisierung der Arbeiter, Bauern und Studenten. Diese Allianz begannen ihre politischen Rechte einzufordern, was letztlich auch als Begründung zur Übernahme der Macht durch die Militärs im Jahre 1964 diente.
Es waren also unruhige Zeiten, in denen TND aufwuchs… und diese Zeiten sollten bis 1985 dauern. Gleichzeitig sollte Sao Paulo zur Boomtown werden. Die Militärs pumpten horrende Summen staatlichen Geldes in den Aufbau einer neuen Infrastruktur um ausländische Investoren anzulocken. Die kamen auch so sicher wie Fliegen auf ein Stück Aas. Mit jährlichen Wachstumsraten von rund zwölf Prozent Anfang der 1970er Jahre wurde Sao Paulo zu einem Moloch (u.a. zur größten Deutschen Industriestadt außerhalb Deutschlands). Diese ökonomische Entwicklung geschah aber ohne jegliche politische Partizipation der Bevölkerung und ohne eine gerechte Verteilung des Reichtums.
Die zu dieser Zeit fehlende demokratische Kontrolle des Staates führte zu großen Mängeln, Niedriglöhnen und Korruption in der Qualität und Verteilung staatlicher Sozialleistungen, im öffentlichen Wohnungsbau, im Verkehr, den sanitären Anlagen und in den Bildungseinrichtungen… wohlgemerkt ich spreche vom Brasilien der1960er Jahre; typisch Schwellenland eben. Dennoch gelang es TND unter diesen Bedingungen seine Schulbildung abzuschließen und ein Studium der Journalistik zu absolvieren. Er arbeite als Journalist wohl ab Ende der 1970er/1980er Jahre.
Heute ist TND in Brasilien einer der populärsten Autoren. Nach wie vor arbeitet TND noch als Journalist… aber auch als Drehbuchautor und fürs Fernsehen. Seine Werke – mittlerweile neun Bände mit Erzählungen, Kurzgeschichten und Romanen – wurden national und international ausgezeichnet.
***
Der Plot des Kurzen Romans ist schnell erzählt. Der Titel impliziert ja schon, dass der Romanort offenbar eine Buchmesse ist… allerdings möchte ich süffisant betonen, dass es sich nicht um die Frankfurter Buchmesse handelt, sondern um die Buchmesse von Porto Alegre/Brasilien. Es ist aber eine schöne Idee des Deutschen Verlages, dieses Jahr just diesen Titel aus dem Jahre 2008 herauszubringen; Schwamm drüber. Kurz nach der Eröffnung der Messe, erschüttert ein grausames Verbrechen die Besucher der Buchmesse und natürlich die Öffentlichkeit.
Bei dem Toten handelte es sich um den Buchhändler und bekannter Sammler seltener Bücher: Adavilson Doceiro. Er wurde offenbar erschossen. Die Polizei ist mit Gründen schnell bei der Hand: Raubmord. Zeugen hatten in den Händen des Mannes ein Buch bemerkt, das nun offenbar verschwunden ist. Zufällig ist der Detektiv Walter Jacquet in der Nähe als der Mord geschah, glaubt aber nicht an die offizielle Version der Polizei. Warum hat der Mann nun immer noch ein Buch in der Hand? Wenn es nicht dasselbe Buch ist, warum wurde es ausgetauscht? Welche Rolle spielt die Zeugin Madame Zu Keila?
Wie man sich nun schon denken kann, ermittelt Walter Jacquet auf eigene Faust. Diese Ermittlungen beschränken sich nicht nur auf die Messe, sondern weiten sich allmählich bis in den gefährlichen Dschungel der brasilianischen Großstadt aus. Ohne Hilfe käme er nicht zurecht und so unterstützt ihn bei seinen Unternehmungen sein Freund Joãozinho Macedônio. Eine weitere Stütze – und ein schöner nebensächlicher Bestandteil des Romans – ist die Haushälterin Inácia, die ihn lecker bekocht.
Aus dem Weg zur Lösung des Falls, führen uns die Ermittlungen durch das Labyrinth der Buchmesse, die Straßen und Plätze von Porto Alegre und weckt die Neugier auf die kulinarischen Besonderheiten der Region Rio Grande do Sul. Nach und nach greift der Autor mit realen und fiktiven Figuren nach der verborgenen Wahrheit…
***
Natürlich handelt es sich bei diesem Werk um einen Kriminalroman. Aber wenngleich TND auch die typischen Zutaten eines klassischen Krimis verwendet, ist ihm dennoch ein Roman geglückt, der über den typischen Krimi hinausgeht. Gewiss kann man einwenden, dass es auch keine sonderlich neue Idee sei, wenn in einem Roman über lukullische Spezialitäten geschrieben wird, aber gerade diese Einsprengsel ergeben den besonderen Lokalkolorit des Brasilianischen Südens und der Stadt Porto Alegre.
Das Buch nur als schnöden Krimi zu bezeichnen greift auch deswegen zu kurz, weil der Autor genau so verfährt, wie ich es oben angedeutet habe: Er transportiert auf dem Vehikel des Lösungswegs sozusagen investigative Rationalität; z.B. die lokalen Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die im Jahr 2008 die Welt erschütterte. Dennoch werde ich nicht so verpeilt sein und aus diesem Roman ein politisches Buch zu machen… dazu ist es außerdem viel zu humorvoll. Damit ist das Konzept des Autor voll aufgegangen, denn er gab in einem Interview zu Protokoll: „Ich habe eine Menge Arbeit darauf verwandt, vor allem Humor, manchmal Satire, auf dieses Genre anzuwenden. Mein Vorschlag ist, dass der traditionelle Krimi-Leser die Geschichte nicht zu ernst nehmen…“.
Ursprünglich entstand der Roman nicht als ein fertiges Stück Arbeit des Autors, sondern er entspringt aus einem Auftrag der Zeitung Correio do Povo, in Porto Alegre. Die machte TND den Vorschlag, für jeden Tag der Buchmesse 2008 ein Kapitel in ebenjener Zeitung zu präsentieren. Die Geschichte sollte am ersten Tag ihren Anfang nehmen und folglich am Schlusstag enden. So entstanden die 17 Kapitel des Romans und handeln – wie man sich unschwer denken kann – auch intensiv von Büchern, die vielleicht nicht eben Protagonisten sind, aber eine wesentliche Rolle spielen.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ein typischer Brasilianer ist… ich habe es allgemein nicht somit Typisierungen oder Etiketten… doch der Autor gibt zu, dass sein Protagonist Walter Jacquet eine jener klassischen Detektive des Genres ist, aber auch etwas von einem Brasilianer in sich trägt und somit doch anders sei. Das hinge damit zusammen, dass diese Detektiv-Typen in den klassischen Krimis alle eine us-amerikanische oder aber europäische Ausstrahlung hätten und er das anders machen wollte. Wie dem auch sei, mir ist der Typ durchaus sympathisch. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn der Verlag uns weitere Werke des Autors zugänglich machte, da TND diesen Ermittler – soweit mir bekannt ist – auch in wenigstens einem seiner anderen Werke auftreten ließ.
***
Meiner bescheidenen Meinung nach, ist uns hier ein wunderbares kleines Werk vorgelegt worden, das man besser nicht nur „mal nebenbei“ konsumieren sollte; ich jedenfalls hatte viele Gedankenansätze darin gefunden, die für mich persönlich wertvoll sind. So z.B. der Gedanke, dass gerade die ernsthaftesten Menschen und Veranstaltungen eine hervorragende Zielscheibe für Humor abgeben. Das fördert die Einsicht, dass es besser wäre, sich nicht allzu ernst zu nehmen, auf dass man nicht in die Gefahr gerät, die Humorrechnung bezahlen zu müssen. Wenn es dann aber doch mal soweit ist, zahlt man eben und macht sich selbst ein Vergnügen daraus.
Ich fand, dass hinter all den Scherzen durchaus auch eine ernsthafte philosophische Erkenntnis hervor scheint: Humor fördert die Bereitschaft zur Wahrheitsnähe. Aber ich möchte nicht schon wieder in diesen Rezensions-Sprech abgleiten und immer weiter noch etwas in den Roman „hinein analysieren“. Es wird sonst leicht unglaubwürdig, was der Autor den sonst noch alles auf nur 136 Seiten untergebracht haben soll. Insofern bleibt mir nur noch meiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, dass ich wieder einmal aus dem schier endlosen Meer von neuen Buchmesse-Büchern (ca. 300.000 Neuerscheinungen jedes Jahr), einen Autoren gefischt habe, von dem ich in Zukunft weitere Werke lesen möchte.

Wilfried John


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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1049 mal gelesen)
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