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Rezensionen: Der Mann, der Hunde liebte
Rezensionen Anonymous schreibt "
Der Mann, der Hunde liebte
Leonardo Padura
730 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unionsverlag – Aus 2011
ISBN: 978-3-293-00425-2
28,90 €uro
Broschierte Ausgabe
ISBN: 978-3-293-20579-6
14,95 €uro
Antiquarisch billiger

Das Zeitalter der Extreme

Pro:
Großartiger, fulminanter und wichtiger Historischer Roman
Kontra:
Geschichtskenntnisse hilfreich

Zeitalter. Für mich als geschichtsinteressierten Menschen gibt es Begriffe, die fast „magnetisch“ auf mich wirken. Für das Vorwort einer Besprechung allerdings, empfiehlt es sich jedoch, etwas nüchterner mit dem Begriff umzugehen. So betrachtet, ist ein Zeitalter ein längerer oder kürzerer Abschnitt der Geschichte, der durch übereinstimmende oder sich ähnelnde Merkmale definiert werden kann. Für den etwas altmodischen und pathetisch daher kommenden Ausdruck, wird synonym oft der Ausdruck Epoche gebraucht, wohl auch weil damit kürzere geschichtliche Perioden besser bezeichnet werden können.
Gemessen an der Menschheitsgeschichte – und nur die können wir annehmen, da es vor dem Menschen keine Geschichte gab – ist zu realisieren, dass die zeitliche Dauer von Zeitaltern immer kürzer zu werden scheint, je näher sie an unsere Gegenwart heranreichen. Außerdem gingen und gehen die historischen Entwicklungen in einzelnen Weltregionen u.U. völlig unterschiedlich vonstatten und erst seit Ende des 18. Jahrhunderts kann man weltweit wohl von einem einheitlichen Geschichtsraum sprechen; auch wenn wohl seit Jahrtausenden bestimmte materielle Interdependenzen und geistiger Austausch (als Beispiele: Weihrauch- und Seidenstraße, Jakobsweg,) vorhanden waren.

Man möge mir verziehen, dass ich als Titel für diese Besprechung einen Buchtitel von Eric Hobsbawm verwendete. Aber genau dieser Titel, sowohl als Überschrift für diese Rezension als auch zur Bezeichnung des Romanstoffs, ist dermaßen passend, dass ich mich gar nicht erst bemühte etwas anderes – letztlich doch schlechteres – zu erfinden. Der Hinweis auf den Historiker Eric Hobsbawm ist auch im Hinblick auf meine Bemerkung zu dem Kontra zu werten: Ohne eben jenes Buch mit dem Titel „Das Zeitalter der Extreme“ von eben jenem kritischen Historiker Eric Hobsbawm, hätte ich diese Besprechung vielleicht nicht geschrieben, da ich nur über Sachen schreibe, von denen ich glaube etwas zu verstehen.

Eric Hobsbawm prägte den Begriff „Das kurze 20. Jahrhundert“ wohl um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ein Jahrhunderte als Einteilung historischer Epochen an sich ungeeignet ist, da sich historische Ereignisse nicht an Jahreszahlen halten. Das 20. Jahrhundert wird in diesem Zusammenhang als „kurz“ bezeichnet, da die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg dem 19. Jahrhundert noch sehr ähnelte, während der 1. Weltkrieg und noch mehr die politischen Umstürze am Ende des Krieges (Revolutionen in Russland 1917, in Deutschland und Österreich 1918) eine neue Gesellschafts- und Weltordnung schufen. Andererseits ging, mit dem Ende der Sowjetunion 1991 und der bereits seit 1989 erfolgten Öffnung vieler Länder des sog. Ostblocks dem Westen gegenüber, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmende Ost-West-Konflikt scheinbar zu Ende, so dass die bürgerlichen Historiker davon ausgehen, als habe mit diesem Zeitpunkt wieder eine neue Epoche begonnen.

Mit Verlaub, ihr bürgerlichen Historiker, ihr irrt! Nicht nur meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Epoche des „Kurzen 20. Jahrhunderts“ eben noch nicht vorüber – was wir in den 1990er und 2000er Jahren an Um- und Zusammenbrüchen sowie Konflikten erlebten und aktuell noch erleben, gehört unmittelbar zu eben diesem „Kurzen 20. Jahrhundert“. Das Heute zu verstehen setzt voraus, dass man das Gestern verstanden hat… und das ist umso schwieriger, je komplizierter dieses Gestern gewesen ist. Und angesichts der oben genannten materiellen Interdependenzen braucht man einen genauen Kompass, damit man sich in den reichlich vorhandenen Richtungen nicht verirrt.
***
Genau vor dem Hintergrund dieses 20.Jahrhunderts spielt der hier zu besprechende Roman. Dabei handelt es sich bei diesem Werk um einen echten Historischen Roman. Das Genre der Historischen Romane hat offenbar gerade Hochkonjunktur, obwohl es sich aber bei den meisten dieser Werke gar nicht um Historische Romane handelt. Streng genommen entspricht das Genre des Historischen Romans solchen Werken, in denen die Protagonisten tatsächliche Personen der Geschichte sind und nicht einfach die Romanzeit ins Mittelalter oder in irgendein anderes Zeitalter gelegt wurde.

Wie man sich bei einer meinen Rezensionen wohl denken wird, handelt sie von einem Stück Lateinamerikanischer Literatur. Es geht um den Roman „Der Mann, der Hunde liebte“ von Leonardo Padura (LP). Hierzulande ist LP in den letzten Jahren mit seinen unverwechselbaren, hintergründigen und sozialkritischen Krimis bekannt geworden. Seine Geschichten spielen allesamt auf Kuba, speziell in Havanna. Er wurde so zu einer wichtigen zeitgenössischen Quelle von Informationen aus dem „Landesinneren“ dieses (immer noch) verschlossenen Landes.
In dem hier zu besprechenden Werk ist Kuba zwar ein wichtiger, aber eben nur einer der verarbeiteten Romaneorte und die Gegenwart nur eine der Romanzeiten. LP legte uns einen Roman vor, der letztlich das „Kurze Jahrhundert“ als Romanzeit und die Heimat- und Exil-Länder der handelnden Personen als Romanorte hernimmt: Spanien, die Sowjet¬union, Türkei, Mexiko, Frankreich, Norwegen und – natürlich – Kuba. LP schrieb aber nicht nur trockene historische Fakten zusammen, sondern stellt sie inmitten einer fiktiven Geschichte vor, die wohl – wie bei ihm üblich – auch starke autobiographische (Be-)Züge trägt.
Ohne allzu pathetisch klingen zu wollen: Mit diesem Roman hat der Autor sein Meisterstück geliefert. Es handelt sich dabei um die (auf Befehl Stalins durchgeführte) Ermordung des bolschewistischen Revolutionärs Leo Trotzki. Zur groben Beschreibung des Inhalts eignet es sich, einen weiteren Buchtitel zu zitieren: Die Chronik eines angekündigten Todes, da es wohl Allgemeingut ist, dass und wie der Mord geschieht, fest steht wer der Mörder ist und er gefasst und verurteilt wurde. Mit der Nennung dieses Titels rekurriere ich durchaus absichtlich auf Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt), da LP das Kunststück vollbrachte, den Erzählstoff ebenso vielschichtig wie meisterhaft zu erzählen und zu einem fesselnden, großartigen Roman zu verarbeiten, wie man es sonst vom Nobelpreisträger erwartet.
***
Wie es sich gehört, will ich diesen Mann vorstellen. Dazu zitiere ich ausnahmsweise mal mich selbst, da ich ihm ja keinen anderen Lebenslauf schreiben kann als den, den ich in der Besprechung zu „Ein perfektes Leben“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) verwendet habe: LP ist Kubaner, 1955 in Havanna geboren… mitten hinein in die Zeit des Guerilla-Kriegs der kubanischen Revolution gegen den Diktator Battista. Als die Revolution siegt, ist LP vier Jahre alt. Eine der ersten Maßnahmen der Revolution war die Alphabetisierungs-Kampagne von 1961 und die Errichtung eines flächendeckenden, kostenlosen Schulsystems, in dessen Genuss LP kommt. Er selbst gibt zu Protokoll, dass er zwar die gesamte Schulzeit über, einen einseitigen Blick auf die Wirklichkeit beigebracht bekam, aber auch, dass er eine ausgezeichnete fachliche Ausbildung genoss.
Nach der Grundschule besuchte er die Oberstufe und erlangte die Hochschulreife. Seine ersten Schreibversuche, von denen er selbst sagt, dass sie eine schreckliche Erzählung hervor gebracht hätten, datieren schon in diese Schulzeit. Aber in der Oberstufe entdeckte er die Literatur für sich und so begann er ein Philologie-Studium, das er 1980 als diplomierter Philologe abschloss. Kurz nach seinem Abschluss, begann er als Journalist bei der berühmten Zeitschrift „El caimán barbud“. Die Arbeit gefällt ihm und er bezeichnete die Redaktion als Paradies… in dem man allerdings ständig kontrolliert und zensiert wurde. Offenbar war er nicht bereit, der Macht nach dem Munde zu schreiben und so wurde er zum Magazin „Juventud rebelde“ strafversetzt. 1989 wurde er Chefredakteur von La Gaceta de Cuba und begann Kriminalromane zu schreiben, für die er in Spanien Verleger und Anerkennung fand. LP verfasste neben seinen bekannten Krimis, literaturwissenschaftliche Essays, Erzählungen und weitere Romane. Er lebt und arbeitet weiterhin in Havanna.
***
Den Roman "Der Mann, der Hunde liebte" zusammenzufassen, gestaltet sich nicht nur wegen seines Umfangs von 730 Seiten schwierig. Oben hatte ich ja schon erwähnt, dass er – grob gesagt – die Geschichte des Attentats auf Leo Trotzki durch den spanischen Kommunisten Ramon Mercader beinhaltet. LP erzählt den Stoff jedoch in weiten, umfangreichen Schleifen aus drei verschiedenen Perspektiven: Natürlich ist zuvorderst jene Perspektive zu nennen, aus der LP das Leben Leo Trotzkis in Gefangenschaft und im Exil beschreibt, doch gleichgewichtig daneben – quasi parallel zur ersten Perspektive – entwickelt LP den Weg, den der Attentäter Ramon Mercader nahm, um überhaupt zu der historischen Person zu werden, die er nun eben mal gewesen ist.
Die dritte Perspektive ist die eines fiktiven Erzählers, des vom Leben und den politischen Verhältnissen auf Kuba schwer gebeutelten, an sich gescheiterten, Schriftstellers Ivan Maturell. Ihm begegnet an einem Strand auf Kuba Der Mann, der Hunde liebte… unschwer ist dieser Mann als alternder, kranker Roman Mercader identifizierbar (diese Begegnung hätte auch wirklich stattfinden können, denn der Trotzki-Mörder hat tatsächlich bis zu seinem Krebs-Tod 1978 unter falschem Namen in Havanna gelebt). Die Begegnung hat ungeahnte Folgen: Mercader beginnt eine Geschichte zu erzählen, von der er behauptet, dass sie nicht weiter erzählt werden dürfe. Der Roman beginnt quasi in der schmerzlichen Gegenwart Ivans, dessen geliebte Frau Ana im Sterben liegt und der er nach Jahrzehnten der angstvollen Verschwiegenheit, nun die Geschichte doch erzählte.
Nun, einmal ganz von der fiktiven Person Ivans abgesehen, dessen Erlebnisse des Alltags auf Kuba zweifellos autobiographische Aspekte des realen Autors LP aufweisen, und von dem LP sagt: Ivan lebt in der Zeit, in der ich auch lebe, ein Mann wie Du und ich (was uns glauben machen kann, dass diese Figur dem Autor wenig Arbeit machte), führen bei den beiden anderen Hauptpersonen des Roman völlig verschiedene Umstände der Rekonstruktionsmöglichkeiten ihrer historischen Dimensionen, zu einem fast unmenschlichen Aufwand des Autor. Das gilt nicht so sehr für Trotzki – LP konnte bei ihm „aus dem Vollen schöpfen“… so hört es sich zumindest an, wenn er selbst sagt: „Jede Minute seines Lebens ist aufgezeichnet, sein Denken und seine Gedankenwelt hatte er Zeit seines Lebens selbst protokolliert. Hier musste ich also wenig erfinden.“ Aber natürlich musste LP sehr viel Recherchearbeit investieren – nicht umsonst dauerte die Arbeit an diesem Werk drei Jahre.
Wie LP selbst zu Protokoll gibt, bestand vor allem bei der Person des Attentäters die Situation, dass es sehr wenige gesicherte Informationen über ihn gibt. LP musste also – ausgehende von dem wenigen was man von ihm weiß – eine Geschichte, ein Leben, eine Persönlichkeit um ihn herum erfinden, wie er sagte und weiter: “ Ich musste manchmal Ereignisse einfügen, von denen niemand sicher weiß, ob sie wirklich stattgefunden haben oder nicht. Gleiches gilt für seine Gedankenwelt, von der mir keiner sagen kann, ob die Gedanken, die ich ihm zuschreibe, seine waren oder nicht. Im Ganzen glaube ich, ist mir ein ziemlich genaues Abbild von Mercaders Leben gelungen. Ich sage ohne falsche Eitelkeit, dass ich zwischendurch sicher mehr über sein Leben gewusst habe, als er selbst.“
Und er hat es nicht nur gewusst, sondern hat das großartig zu Papier gebracht. Die Erzählstruktur ist sicher keine Neuentwicklung, doch die Virtuosität mit der LP erzählt ist genial. Gleich zu Beginn werden der Leserschaft – mit unterschiedlichen Mitteln – die Protagonisten vorgestellt. Während die Ermordung des Marxisten und russischen Revolutionärs Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt unter seinem Pseudonym Leo Trotzki, durch die entsprechende (dürre) Meldung der Nachrichtenagentur TASS erfolgt, wird Ramon Mercader über ein Protokoll eingeführt, welches über sein Verhör durch den mexikanischen Geheimdienstchef Oberst Leandro Sanchez Salazar angefertigt wurde. Ivan lernen wir auf den Friedhof kennen… wie schon gesagt, war seine Frau gestorben und Ivan beginnt rückblickend zu erzählen.
Was ich bei Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt) immer bewundert habe und oft genug Erzählkunst in Vollendung nannte, begegnet uns nun in diesem Roman: LP erzählt uns – wenn man so will – drei Romane in einem (das Material wäre auch wirklich umfangreich genug dafür). Abwechselnd nimmt LP die roten (?) Fäden dreier so überaus unterschiedlicher Lebensgeschichten auf und erzählt uns, wie es dazu kommen konnte, dass drei so unterschiedliche Menschen durch die Historische Geschichte verbunden sind, ohne dass sie von vorn herein je etwas davon geahnt hätten.
Die drei Männer haben etwas gemeinsam, das sie letztlich sogar zueinander führt: Sie ihre Liebe zu Hunden; eigentlich sind alle drei „Der Mann, der Hunde liebte“; keine Ahnung, ob der Autor diese Lesart im Sinn hatte. Ivan mag Tiere allgemein und Hunde besonders, arbeitet bei einer Veterinärzeitschrift und weiß was Borsois sind… solche besitzt Mercader und diese Borsois sind es, die ihn am Strand von Havanna mit Iván zusammenbringen. Auch Trotzki favorisierte ehedem diese Rasse. Als Mercaders Mutter inmitten der Wirren des Spanischen Bürgerkriegs den Hund ihres Sohnes erschoss um ihm klarzumachen, dass seine Liebe nur der Revolution und Stalin zu gelten habe, konnte man noch nicht ahnen, dass damit das Schicksal jener Drei seinen Lauf nahm, denn Mercader stimmt daraufhin zu, dem russischen Geheimdienst beizutreten und sich auf Trotzkis Ermordung vorzubereiten.
Die Geschichte Trotzkis setzt 1929 ein, mit dessen Aufbruch in die von Stalin verfügte Verbannung, die ihn von einem sibirischen Lager zunächst in die Türkei führt. Er zeichnet Trotzkis verzweifelte Versuche nach, im Exil eine Opposition gegen Stalin zu organisieren, obwohl Stalin viele seiner Anhänger zum Verrat zwingt oder ermorden lässt. Opfer stalinistischer Bündnispolitik, muss Trotzki erst die Türkei und dann Norwegen und Frankreich verlassen, bis schließlich nur noch Mexiko ihm Asyl gewährt. Der Erzähler begleitet einen früh gealterten Mann, der sich immer wieder gegen den Stalinismus aufbäumt. Nicht zuletzt, weil er erkennt, dass er mitverantwortlich ist für das System, das Stalin unumschränkte Macht gewährt. Trotzki ist nicht nur ein Opfer, er ist auch Täter.
Ramón Mercaders Biographie, wie dieser sie Iván in mehreren Begegnungen am Strand zu Protokoll gegeben hat, zeugt vom umgekehrten Verlauf der Sache: Er ist nicht nur der vom Geheimdienst geschickte eiskalte Mörder, sondern auch ein von einem enthemmt unmenschlichen System Verführter, Verblendeter… ein missbrauchter Idealist. Letztlich ist auch jener Ivan eine gebrochene Figur: Ihn hat das kubanische Regime gebrochen, denn er wurde getreu stalinistischer Tradition dazu gezwungen, wegen angeblicher konterevolutionärer Verwirrung seine Schriftstellerkarriere aufzugeben, sich ins sog. Innere Exil zurückzuziehen und als Redakteur einer Veterinärzeitschrift zu arbeiten, der mit dem Impfen von Hunden sein karges Salär aufbessert.
***
LP erzählt uns die Protagonisten seines Werkes, die Begleitumstände, die Handlung, die Nebenfiguren so lebendig, einfühlsam, sorgfältig, ja geradezu mitfühlend, dass ich mich mühelos in diesem Konglomerat zurechtfinden und sogar so manches nachempfinden konnte. Ich ertappte mich dabei, dass ich hin und wieder wünschte, der Verlauf der Geschichte würde ein anderer werden (können)… was natürlich ausgeschlossen bleiben muss. In diesem (und nur in diesem) Zusammenhang fühlte ich mich an die großen Historischen Romane des Literatur-Nobelpreisträgers Jose Saramagos erinnert (auch hier bei Ciao vorgestellt), bei denen mir das regelmäßig ebenso erging.
LP hält sich an die geschichtlichen Fakten des 20. Jahrhunderts und bildet aus ihnen den übergroßen Rahmen, den auszufüllen er jedoch meisterlich vollbringt. Alles, die Orte des jeweiligen Geschehens, die dramatischen Ereignisse im Europa des 20. Jahrhunderts, die handelnden Personen, stimmen mit den Geschichtsbüchern überein… die von ihm erzählte Geschichte jedoch hat man aber so bestimmt noch nie gelesen oder gehört. Teilweise war das was ich da las, für mich als geschichtsinteressierten Menschen, auch ein Ärgernis, denn die Analysen des alten Revolutionärs Trotzki – die zu politischen Prognosen führten – zeugten davon, dass viele Menschen von all den schrecklichen Dingen wussten: Stalins Schauprozesse zur Beseitigung von Freund und Feind, das Erstarken des Faschismus, der Spanische Bürgerkrieg, der politische Verrat an der Spanischen Republik aus politischem Kalkül, das Treiben der Nazis, das politische Paktieren der Sowjets mit Hitler, die Lager, die Folter, das Verschwindenlassen und vieles mehr; Menschen die heute immer noch so tun, als hätte man es nicht kommen sehen (können).
LP bringt es zustande, dass ich zu Protokoll geben muss, in einem Roman noch nie derart tiefgründige psychologische Profile der Protagonisten gefunden zu haben und man könnte fast Mitleid mit ihnen haben. Aber LP macht auch deutlich, dass sie eben auch Fanatiker (außer Ivan) waren, die im Namen einer Idee zu allem bereit gewesen sind… auch wenn sie doch gleichzeitig auch betrogen und verraten worden sind. LP gibt in einem Interview zu Protokoll, dass „sein“ Mercader auch mehr als eine Metapher auf den heutigen Fundamentalismus sei. „Wäre er noch am Leben, wäre Mercader ein lebendes Beispiel für den modernen Fundamentalisten. Er handelt genauso wie ein Fundamentalist. Wie ein Selbstmordattentäter, der in den Supermarkt geht und sich dort in die Luft sprengt, geht Mercader in Trotzkis Haus, wohl wissend, dass er da nicht mehr lebend rauskommt.“
Dieser Roman ist das Beste was ich seit langer langer Zeit gelesen habe. Dabei sind es nicht nur der Plot und die Erzählkunst, sondern auch die Überlegungen zu Themen wie Freiheit, Rassismus, Unterdrückung, den Völkermord, die das Buch überaus wertvoll machen… es ist „die bedrückende Anwesenheit der Zeitgeschichte auf jeder einzelnen Seite“, wie LP im Nachwort schreibt. Das Buch ist auch als eine Abrechnung mit der Verfolgung politisch unliebsamer Personen in Zeiten diktatorischer Herrschaft und der Verfehlungen des Staatssozialismus zu lesen. LP versteht es außerdem meisterhaft, die Pervertierung der großen Utopie einer gerechteren Gesellschaft spannend zu vermitteln, ohne die Idee an sich zu diffamieren, die nach wie vor eine große Utopie bleibt.
Bei aller Güte und dem überaus hohen Unterhaltungswert (den dieser Roman obendrein besitzt!) ist „Der Mann, der Hunde liebte“ auch ein beklemmendes Werk von erschreckender Aktualität, mit dem sich der Autor unter die großen Erzähler Lateinamerikas einreiht. Der Heraldo de Aragón schrieb: „Wer diesen mitreißenden, faszinierenden und ernüchternden Roman gelesen hat, versteht die Geschehnisse, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, besser. Unweigerlich verfällt man diesem Werk.“ Dem ist lediglich hinzuzufügen, dass man nicht nur das 20. Jahrhundert besser verstehen lernt, sondern auch das Hier und Heute, das schließlich daraus gewachsen ist.

Wilfried John

Wer sich einen geschichtlich fundierten Überblick über die Romanzeit verschaffen möchte, dem empfehle ich das im Titel dieser Besprechung genannte Werk:

Das Zeitalter der Extreme
Eric Hobsbawm
750 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Carl Hanser – Aus 1995
ISBN: 3-7632-4508-1
Antiquarisch ab ca. 8,50 €uro

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1125 mal gelesen)
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Rezensionen: Die sechste Laterne
Rezensionen Anonymous schreibt "
Die sechste Laterne
Pablo de Santis
244 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unionsverlag – Aus 2007
ISBN: 9783-2932-0450-8
19,80 €
Antiquarisch ab ca. 3,- €

Geheimnisvoll und skrupellos

Pro:
Phantastische Literatur in bester argentinischer Tradition
Kontra:
Das Bild der Geheimbündelei scheint vielleicht mir etwas überstrapaziert


Skrupel. Manchmal scheinen Moral und Ethik miteinander zu konkurrieren: Mit den Erfordernissen des Strebens nach dem persönlichen Glück begründen manche Leute, ihre Missachtung moralischer Regeln. Für sie heiligt der persönliche Zweck schon die Mittel. Auch wenn es uns Schwarz auf Weiß vor Augen steht und wir so in den beiden kurzen Sätzen den blanken Zynismus bemerken, werden doch auch zustimmende innere Reaktionen bemerkbar sein, weil wir doch mitunter auch schon die kleinen oder größeren Sünden begingen, die eine oder andere Lüge benutzten (oft schamhaft zur Notlüge erklärt) oder durch Untätigkeit in Kauf genommen haben, dass andere Menschen größere oder kleinere Schäden erlitten.
Etymologisch kommt das Wort vom lateinischen scrupulum oder scrupulus her; scrupulum als Bezeichnung der Währung und scrupulus als Bezeichnung für scharfe, spitze Steinchen die offenbar einen Wert (wahrscheinlich als Werkzeug) besessen haben. Jedenfalls waren Skrupel etwas wert, weil sie einen daran hindern Böses zu tun. Skrupellosigkeit dagegen bedeutet, dass jemand den Wert eines anderen nicht achtet. Eigentlich eine Sinnverschiebung dadurch, dass jemand, welcher ohne Skrupel war (im Sinne der Währung) eben gelegentlich genötigt war, die Werte anderer zu missachten und sich anzueignen, was dieser Jemand eben zum Leben brauchte. Diese Rohheit hat man dann offenbar auch auf das Verhalten Anderer übertragen, welche nicht direkt mit Diebstahl, Raub und Mord zusammenhängen, sondern einfach nicht darauf achten, was die Interessen dessen sind, den sie bei der Verfolgung eigener Interessen beschädigen bzw. unberücksichtigt lassen.
Mir kommt die Bezeichnung Schlitzohr in den Sinn. Es handelt sich dabei ursprünglich um die Bezeichnung eines Menschen, der die Schandtat des Verrats an einem Genossen begangen hatte und die bei den Wandergesellen gebräuchlich war. Diese Gesellen trugen traditionell Ohrringe… und einem Verräter wurde der Ohrring aus dem lebenden Fleisch gerissen, so dass er fortan als Schlitzohr ehrlos blieb. Ganz ähnlich wie sich der Begriff des Schlitzohrs bis in die heutige Zeit erhalten hat und nach und nach vom absolut negativen zum nicht ganz positiven Image gewandelt wurde, verhält es sich mit den Skrupeln, die man sich angeblich nicht leisten kann, wenn man Erfolg haben will; das wollen viele… am besten auch noch mühelos und nicht zu eigenen Kosten.
Gewisse Moralkritiker behaupten, es bestünden Spannungen oder sogar Widersprüche innerhalb des moralischen Systems und innerhalb des ethischen Denkens. Indem sie diese scheinbaren Konflikte aufzeigen, stellen sie die Rationalität moralischer Prinzipien und ethischer Urteile insgesamt in Frage und sie ebnen so einer gewissen Erosion der moralischen Werte den Weg. Ich möchte niemanden falsch beschuldigen, doch in einer kapitalistischen Gesellschaft geht es bei allem zuerst um die Verwertung; auch Lehrstühle müssen bezahlt werden und wer bezahlt, möchte nicht zu kurz kommen…
Für die Verwertungsinteressen im kapitalistischen System ist es vorteilhaft, wenn sich aus dem konstruierten Wiederspruch heraus eine Doppelmoral entwickelt: Skrupel für die einen (die Verwerteten), Skrupellosigkeit für die anderen (die Verwerter). Ohne mit einem dieser unerträglichen Moralapostel (die sie uns obendrein auch noch auf den Hals gehetzt haben) verwechselt werden zu wollen, möchte ich folgenden Gedanken aussprechen: Indem wir jene Skrupellosen bewundern (klammheimlich oder offen), arbeiten wir insgesamt gegen unsere eigenen Interessen.
***
Um Verwertung, um Interessen und Moral geht es auch in dem Buch, das ich mit dieser Besprechung vorstellen möchte: „Die sechste Laterne“ von Pablo de Santis. Es handelt sich dabei um ein Werk aus der sog. Phantastischen Literatur aus Lateinamerika. Sie zeichnet sich – laut des argentinischen Autors Adolfo Bioy Casares, einem der vornehmsten Vertreter dieser Literatur-Gattung – durch logische und unmögliche Entwürfe aus, die Abenteuer der philosophischen Imagination sind. Besser ist der sechste Roman seines Landsmanns Pablo de Santis kaum zu charakterisieren.
Dass das, was folgt, ein solcher „unmöglicher Entwurf“ sein wird, offenbart Pablo de Santis gleich im ersten Satz einer scheinbaren Einleitung, die dem Roman vorangestellt scheint, in der er schreibt: „Noch immer herrscht vielerorts der Irrglaube, die großen Architekten wären jene, die ihr Leben dem Bauen gewidmet hätten. Wir aber verfolgen die Spuren all derer, die nach ihrem Tod lediglich Pläne und Zeichnungen zurückgelassen haben.“ Wenn wir uns erst einmal auf diesen Entwurf eingelassen haben, sind wir schon im Netz, welches der Autor geschickt und dicht knüpfte, gefangen. Die Phantastische Literatur stellt also erst die Behauptung dessen auf, was sie später wie die Realität präsentieren will.
Die Romane des Autors werden oft als spannende, zuweilen etwas bizarre, sprachlich außergewöhnlich raffinierte und klug konzipierte Werke charakterisiert; Sprache und Kommunikation sind zwei seiner bevorzugten Themen und auch in „Die sechste Laterne“ wichtiger Bestandteil des Plots. Wie in allen Romanen dieses Autors wird auch in diesem Werk unterschwellig ein philosophischer Diskurs geführt; diesmal um die Frage, welche transzendente Aussagekraft die Kunstform Architektur haben kann und sollte. Das Buch ist quasi ein Musterbeispiel der Phantastischen Literatur.
Und Pablo de Santis (kurz PdS) ist ein Meister dieser Zunft, die sich seit langem (nicht nur) in der Argentinischen Literatur sehr großer Beliebtheit erfreut und mit großen Namen der Weltliteratur (Franz Kafka oder Fernando Pessoa – auch hier bei Ciao vorgestellt) in Verbindung gebracht werden muss. Es lohnt sich also, sich die biographischen Daten des Autors ein wenig genauer zu betrachten:
PdS wurde 27. Februar von 1963 in Buenos Aires/Argentinien in eine sehr unruhige Zeit hinein geboren. Kurz vorher hatte das Militär geputscht und Argentinien war in dieser Zeit, und in den darauf folgenden 20 Jahren, ein äußerst unsicheres Pflaster. Ein weiterer Putsch, Gegenterror, Peron, Wirtschaftskrise und noch mehr Terror aus dem politischen Untergrund, wieder Putsch, Todeskommandos, „Verschwundene“, Folter, Falkland-Krieg… bis dann 1983 die sog. Demokratisierung wieder freie Wahlen ermöglichte…
Freie Wahlen in einem Land, das durch Misswirtschaft und Selbstbereicherung der Generäle zerrüttet war und das man getrost den Demokraten überlassen konnte. Die würden wenigstens frisches Geld von der Weltbank reinholen… deren Wirtschafts-Rezepte (ähnliche übrigens, wie sie auch hierzulande gängige politische Mode sind) weitere zwanzig Jahre später allerdings dieselbe Wirkung hatten wie ein Raubüberfall oder ein Militärputsch.
In dieser Zeit wuchs PdS auf – und, man staune, er begann schon im Alter von 11 Jahren erfolgreich mit dem Schreiben von SF-Storys. Es scheint schon sehr früh klar gewesen zu sein, was später aus dem klugen Jungen werden würde. Folgerichtig fokussierte sich seine Ausbildung auf diesen Punkt: Er studierte Literatur. Sein Geld verdient er sich schon früh selbst – anfangs als Texter für Comics, später dann – selbst noch ein Jugendlicher – als Autor von Jugendbüchern. Einem breiten argentinischen Publikum wird er durch seine eigentlich weniger rühmliche Drehbucharbeit fürs Fernsehen bekannt, für das er Serien schrieb, die mit einer Mischung aus Akte X und Astrologie die Zuschauer verwirrten... vielleicht wollten das die Zuschauer, der noch schlechteren Realität müde, halt sehen.
Ihm wird spätestens durch sein Studium und seine Drehbucharbeit bekannt geworden sein, auf welch einem Boden literarischer Traditionen er sich in Argentinien bewegte; um nur die Namen Borges, Bioy Casares und Cortazar (alle auch hier bei Ciao besprochen) zu nennen. Schon 1987 erschien sein erster großer Roman und dann in rascher Folge weitere Romane und Essays. Sehr schnell wird er im gesamten spanischen Sprachraum (und der ist bekanntlich sehr groß) bekannt. Erst im Jahre 2000 wird er als DIE Entdeckung im deutschen Sprachraum gefeiert, als sein Buch „Die Übersetzung“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) beim Unionsverlag erschien.
***
In der oben erwähnten Einleitung, gibt sich eine „Gesellschaft für utopische Architektur“ zu erkennen, die es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Protagonisten dieses Romans (den sie für den größten Architekten aller Zeiten halten) zu verehren und sein Andenken zu fördern. Dieser Mann ist der Architekt Silvio Balestri; ein in die USA eingewanderter Italiener. Er entstammt einer bekannten Römischen Bildhauer-Familie und soll – nach dem Willen des Vaters – das erfolgreiche Familienunternehmen einst weiterführen. Doch es kam anders.
Anstatt Bildhauer und Unternehmer wird Silvio Architekt. Schon während seiner Architektur-Studienjahre in Rom, entwickelte Silvio einen Hang zum Monumentalismus; er setzte sich in den Kopf, einen zweiten Turmbau zu Babel ins Werk zu setzen. Es gehört zu den köstlichsten Lese-Momenten dieses Romans, die Debatten Silvios und Pollaks, seinem wichtigsten Wegbegleiter in dieser Zeit, zu folgen. Pollak forderte und inspirierte Silvio durch langwierige und harte Wortgefechte und wir können schon ahnen, dass aus Pollak nichts werden kann; zwar sehr klug, aber zu einseitig festgelegt, zu streng zu sich selbst, zu Detailversessen.
Der erste Weltkrieg trennt ihre Wege, Pollak meldet sich zur österreichischen Armee, Balestri flieht in die neue Welt, nach New York. Wie viele Einwanderer findet er zunächst keine Arbeit. Er streift durch die fremde Stadt und entdeckt ein seltsames Museum und freundet sich mit dessen Betreiber Caylus an, bei dem es sich offenbar um einen Seelenverwandten handelt; das Museum stellt Modelle nie gebauter architektonischer Entwürfe aus. Der Italiener wird das imposanteste Stück dieser Sammlung erschaffen: Zikkurat, ein monumentales Bauwerk, nach dem Vorbild des berühmten Turms zu Babel. Niemand wird das Model je sehen, denn nie kommt jemand in dieses Museum… und schon in der bereits erwähnten Einleitung erfahren wir, dass das Museum während eines Brandes vollständig vernichtet wurde.
Durch die fremde Sprache eingeschränkt, arbeitet der Architekt zunächst als Kellner, ehe er im renommierten Architekturbüro Moran Morley und Mactran als Kopist angestellt wird, der nichts weiter zu tun hat, als die Zeichnung der Architekten zu vervielfältigen. Er ist tüchtig und strebsam; was ihm nicht unbedingt die ungeteilte Zustimmung seiner Kollegen einbringt.
Das Bürohochhaus, mit seiner strengen hierarchisch gegliederten Aufteilung von Funktionen, von Stockwerk zu Stockwerk aufsteigend, gleicht einem Gesellschaftsentwurf… oder aber einen umgedrehten, nach oben sich zuspitzenden Entwurf von Dantes Höllenkreisen (dazu auch „Gezählte Wirklichkeiten“ von Wilfried John). Balestri kennt in dieser Zeit nur ein Ziel, er will vom Keller in die vorletzte Etage, in die Riege der Architekten aufsteigen; er sollte auch noch nach ganz oben gelangen.
Dazu verhilft im schließlich ein seltsamer Auftrag. Die New Yorker Architekturbüros stehen in gnadenloser Konkurrenz um den höchsten und modernsten Wolkenkratzer der Welt. Aber jede neue Idee wird sofort den Mitbewerbern in die Hände gespielt. Die Geschäftsleitung ist nicht in der Lage das Leck zu finden, da sie die Sprache der Architekten nicht versteht, ihren fachspezifischen Subtext nicht entschlüsseln kann. Balestri soll herausfinden, welcher der drei Kollegen der Konkurrenz die geheimen Pläne mit den architektonischen Details zuspielt. Auf der Suche nach der undichten Stelle, gerät Balestri in ein schier unentwirrbares Geflecht aus Intrigen und führt schließlich zum Kontakt mit dem Geheimbund der „Die sechsten Laterne“
***
Die Werke von PdS werden – meiner bescheidenen Meinung nach – oft missverstanden und in die Schublade mit dem Etikett „Kriminalromane“ einsortiert. Daraus ergibt sich eine meist negative Bewertung der Qualität des Werkes an sich, weil es die Erwartungen der Krimi-Leser natürlich nicht erfüllt. In „Die sechste Laterne“ gibt es eben keinen jener klassischen Ermittler, dessen Ermittlung dieses oder jenes zutage fördern. Wenn hier jemand ermittelt, dann sind es die Lesenden – frei nach dem Prinzip vieler Lateinamerikanischen Autoren, die sich ihre Leserinnen und Leser als Komplizen vorstellen.
Nun, ich habe dafür Verständnis, dass viele Kollegen die „Krimi-Schublade“ aufmachen, denn die Literatur von PdS ist wirklich schwer zu fassen. Wie ich oben schon schrieb, ist sie sicher unter dem Oberbegriff Phantastische Literatur zu führen… und wenn man es etwas genauer spezifizieren möchte, schlage ich den Begriff vor, den ich – in Abwandlung des für die Lateinamerikanische Literatur immer noch synonym stehenden Begriffs Magischer Realismus – in meiner Besprechung zu „Die Übersetzung“ (auch hier bei Ciao) erstmals verwendete: Magischer Krimi.
Wie das Hochhaus von Moran Morley und Mactran viele Etagen hat und natürlich ein Untergeschoss, so hat auch dieses Werk mehrere Ebenen. Eine für die Argentinische Literatur wichtige Ebene ist das Thema Migration – gerade Italiener sind nach 1945 massenhaft nach Argentinien gekommen und so ist der Roman durchaus auch als exemplarische Chronologie eines Werdegangs, als eine mögliche Biografie eines Einwanderers zu lesen. Der oben schon angedeutete Diskurs über Architektur ist darüber hinaus eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem städtischen Leben seit der industriellen Revolution, mit der Unwirtlichkeit unserer Städte, mit dem Bauen als Selbstdarstellung (siehe Protzbauten der Faschisten) oder der Entfremdung der Arbeit im marx´schen Sinne.
Meine Erwartungen an dieses Werk sind voll und ganz erfüllt und ich möchte zu Protokoll geben, dass die Beschreibung dessen, was nach Adolfo Bioy Casares (auch hier bei Ciao vorgestellt) Phantastische Literatur sein soll, voll auf „Die sechste Laterne“ anwendbar ist. Schon die Erzählperspektive ist phantastisch konstruiert: Der Roman wird von einem Mitglied der anfangs genannten „Gesellschaft für utopische Architektur“ erzählt; dabei werden wir nie gewahr, wer genau das eigentlich ist; ich glaube, man benutzt an solchen Stellen gerne das Wort kafkaesk.
Ein weiterer literarischer Leckerbissen ist die Biographie des Protagonisten… sie ist so wunderbar erfunden, dass sie wie die Nacherzählung eines tatsächlichen Lebenslaufs erscheint. Dabei besticht der Erzählstil des Autors durch eine klare, ästhetisch schöne Sprache, die es zum Vergnügen macht, sich lesend dem Werk zu überlassen – und das gilt sicher nicht nur für Fans der Literaturgattung oder eingeschworene Kafka-Experten.
„Die sechste Laterne“ ist eben wirklich ein Abenteuer der philosophischen Imagination. Der Roman steht zwar in der argentinischen Tradition dieses Genres, doch dass dem Autor ein Stück universeller Literatur geglückt ist, beweist nicht zuletzt das Votum einer Jury aus Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Autoren, die den Roman zu einem der hundert wichtigsten Romane Spanischer Sprache der letzten 25 Jahre wählten.


Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1092 mal gelesen)
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Rezensionen: Humboldts Schatten
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Humboldts Schatten
César Aira
122 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Nagel & Kimche – Aus August 2003
ISBN: 3-312-00321-0
14,90 €
Antiquarisch billiger

Eine Sache der Perspektive
 
Pro:
Eine vielschichtige Novelle, furiose Sprachkraft, neue Lateinamerikanische Literatur
Kontra:
Leser müssen den Anfang überstehen…

Perspektiven. Natürlich ist der Begriff im weitesten Sinne – von einer Betrachtungsweise oder -möglichkeit bis hin zu einem Aspekt der Maltechnik – zu verstehen, in dem es immer (im gegenständlichen wie im übertragenen Sinne) auf die Festlegung eines Standpunktes ankommt. Aber während es einerseits auf räumliche Verortung ankommt und in diesem Kontext der Wechsel der Perspektive also immer einen Ortswechsel voraussetzt, ist andererseits die Frage des Perspektivwechsels im Sinne von Betrachtungsweise oder -möglichkeit allenfalls damit verbunden, seine innere Verortung, vorübergehend oder dauerhaft zu ändern; sich eine Meinung zu bilden.
Leider ist die allgemeine Kenntnis vom Ursprungs des Wortes Meinung (vom indogermanischen „moino“ für Wechsel oder Tausch) in der Neuzeit aus Versehen (natürlich) verloren gegangen und dem Begriff Meinung ist mehr und mehr etwas Festzulegendes oder gar, bis hin zum Dogma, Festgelegtes zugeordnet worden. Im engeren Sinne ist Meinung die subjektive Ansicht und Einstellung zu Zuständen, Ereignissen oder anderen Personen; wobei letzteres problematisch ist, da damit (nicht nur von Rechts wegen) ein Werturteil verbunden ist.
Die wesentliche Aufgabe von Meinung ist die Bewertung oder Beurteilung, sie sagt aus, wie jemand etwas sieht. Eine Meinung sollte auf der Basis eigener Erfahrungen und eigenen Wissens, vor dem Hintergrund der eigenen gesellschaftlichen Umgebung und Deutungsmuster entstehen. Eine Meinung ist demnach ein psychisch erzeugter Standpunkt, der meist im Grade seiner Plausibilität stabil beibehalten wird, der aber keinesfalls unabänderlich wird. Ist der Standpunkt einer Person unsicher, wird sie einen neuen Prozess des Findens beginnen, neue Informationen sammeln und sich eine mehr oder weniger veränderte oder eine neue Meinung bilden.
Da wir eben bei dem Stichwort Meinung sind, möchte der Autor zu Protokoll geben, dass das hier besprochene Buch ganz gewiss nichts mit Schlagworten wie Herrschende Meinung oder Postulat gemein hat, und wenn ich schon aus dem Wortschatz der Wissenschaften zitiere, dann eignen sich zur Bezeichnung der vorliegenden Geschichte höchstens die Begriffe Minderheitsmeinung oder aber Abweichende Meinung, die – in die Debatte einbezogen – auch eine Triebfeder für die Weiterentwicklung des Erkenntnisprozesses sein kann.
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In dem hier vorzustellenden Buch geht es im engeren und weiteren Sinne um Meinung, um die subjektive Ansicht (des Innen und Außen), um Einstellung zu Zuständen, Ereignissen oder anderen Personen; sogar Historischen Personen. Es geht um Meinungsunterschiede und Erkenntnisprozesse, es geht um unterschiedliche Wertschätzungen und sogar die Malerei. Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, dass ich ein Sachbuch gelesen habe, so ist dieser Eindruck einerseits nicht vollständig falsch, aber andererseits keinesfalls annähernd richtig. Das Werk beginnt quasi wie eine Reiseerzählung aus dem 19. Jahrhundert, entwickelt sich zu einer literarischen Hommage und wird schließlich zu einer Art Abenteuernovelle (wenn es sowas gibt?) oder aber – in guter Argentinischer Literaturtradition – zu einem glänzenden Stück der Gattung Phantastische Literatur.
Natürlich ist Phantastische Literatur kein ausschließlich argentinisches Phänomen, sondern eine in ganz Lateinamerika beliebte Spielart der Literatur. Sie zeichnet sich – laut des argentinischen Autors Adolfo Bioy Casares (auch hier bei Ciao vorgestellt), einem der vornehmsten Vertreter dieser Literatur-Gattung – durch logische und unmögliche Entwürfe aus, die Abenteuer der philosophischen Imagination sind. Kommen diese „logischen und unmöglichen Entwürfe“ einem fähigen Schriftsteller, dann bekommen wir genau das was uns hier vorliegt: Ein virtuos und sprachkräftig erzähltes Werk.
Ursprünglich wollte ich eine ganz andere Besprechung schreiben: Ich hatte „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann gelesen und den gleichnamigen Film gesehen… beides hat mir ausnehmend gut gefallen. Als jemand, der in jungen Jahren beruflich auf vier Kontinenten unterwegs war, hatte mich die Figur des A. v. Humboldt natürlich besonders fasziniert. Während ich noch darüber nachdachte wie ich die Besprechung anlegen sollte, schlich sich ein Gedanke in mein Nachdenken, den ich nicht mehr los wurde: Ich fragte mich, aus welchen Quellen sich Humboldts Ruhm speist… was ihn schon zu Lebzeiten so berühmt hat werden lassen.
Schon damals waren Expeditionen keine ausschließlichen Abenteuer-Reisen, sondern wohlgeplante, mit viel Geld ausgestattete Unternehmen, die – neben dem wissenschaftlichen Sinn – auch einen propagandistischen Zweck zu erfüllen hatten; die Geldgeber hatten halt auch bescheidene Ansprüche und schon damals war der frei und unabhängig Forschende eine Schimäre. Und ebenfalls schon damals, sagten Bilder mehr als viele Worte. Nach Dieter Hildebrand kommt Bildung von Bild… käme sie von Buch, würde man wohl Buchung sagen.
Ein Charakterzug von mir, ist das Misstrauen gegenüber Autoritäten und Institutionen, das Hinterfragen von Bürgerlichen Bildungsidealen und Personen, welche uns als nachzueifernden Helden präsentiert werden. Angesichts all dieser Aspekte, machte sich die Erinnerung an ein Buch bemerkbar, das ich vor zehn Jahren gelesen hatte: „Humboldts Schatten“ von César Aira. Darin geht es um eben jenen Mann, der all die phantastischen Bilder schuf, die in der gebildeten Welt von damals so viel Begeisterung auslösten, die aber im Wesentlichen nur Humboldt (einen der Ihrigen) hochleben ließ; der Maler aber (keiner der Ihrigen) fiel dem Vergessen anheim.
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Meine Leserinnen und Leser erwarten wahrscheinlich, dass an dieser Stelle eine Vorstellung des Autors folgt. Ich habe nicht die Absicht, diese Erwartungen zu enttäuschen, doch die Vorstellung von CA muss nach einer anderen Methode erfolgen, als den Lebenslauf anhand biographischer Daten nachzuerzählen. Das liegt daran, dass über CA nicht viel mehr in Erfahrung zu bringen ist, als er offenbar selbst bereit ist von sich preiszugeben: Geboren 1949 in Pringles, Provinz Buenos Aires/Argentinien. Seit 1967 wohnhaft in der Argentinischen Hauptstadt selbst. Er arbeitete zunächst als Übersetzer im sog. Literaturbetrieb, bevor er mit seiner eigenen Literarischen Produktion begann. Nach zahlreichen Romanen, Erzählungen, Dramen und Essays ist er heute einer der wichtigsten Schriftsteller Südamerikas.
Das ist nicht viel und fast erscheint es, als wolle CA verhindern, dass man sich näher mit seiner Person beschäftigt. Er meidet bis heute große Literaturfestivals, spricht selten mit Journalistinnen und Journalisten (und wenn – wird kolportiert – mit deutlich spürbarem Widerwillen), weist Ehrungen und Preise freundlich aber bestimmt zurück und als man ihm z.B. die Samuel-Fischer-Gastprofessur der Freien Universität in Berlin antrug, lehnte er dankend ab. Er macht keine Lesereisen für seine Bücher und tritt nicht im Fernsehen auf. Zur Frankfurter Buchmesse 2010 – bei der Argentinien Gastland gewesen ist – reiste er gar nicht erst an. Dennoch (oder gerade deshalb?) ist CA bei Kollegen hoch angesehen…
CA ist ein sehr produktiver Autor: Seit Jahrzehnten verfasst und veröffentlicht er zwei bis vier Romane oder Erzählungen pro Jahr. Aber anstatt er sich an große Verlage mit internationalen Verbindungen wendet, veröffentlicht CA seine Werke in den unterschiedlichsten argentinischen Kleinverlagen; weswegen die Auflagen winzig und nur in wenigen kleinen Buchhandlungen von Buenos Aires zu haben waren. Zwischenzeitlich hat sich das natürlich geändert; zumindest im spanischen Sprachraum ist CA längst kein Geheimtipp der Argentinischen Literatur mehr… er ist ihr anerkannter, wenn auch selten gesehener Meister!
Im deutschen Sprachraum wird es sicher noch sehr lange dauern (wenn es überhaupt je geschieht), bis CA bei einem größeren Publikum bekannt, anerkannt oder gar beliebt sein wird; allmählich beginnt man damit sein Werk bei uns zu veröffentlichen… aber von den nahezu 70 (!) Büchern des Autors, liegen erst sechs (!) in deutscher Übersetzung vor. Das ist einerseits, in Anbetracht des Renommees dieses Autors, kümmerlich, andererseits aber, bleibt den Lesenden die seine Werke kennen und schätzen lernten, noch ein wunderbar langer Zeitraum voller Entdeckungen; dafür, dass es sich beim Werk von CA um solche handelt, verbürge ich mich.
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Johann Moritz Rugendas war Maler in Diensten von Alexander von Humboldt und er begleitete den Forscher auf seiner Expedition durch Südamerika. Er hatte zu malen was sein Herr ihm zu malen befahl; und das bezieht sich nicht nur auf die Objekte, sondern auch auf die Art und Weise der Ausführung. Insofern tritt einer jener seltenen Fälle ein, in denen ein vom deutschen Verlag gewählter Titel stimmiger als der Originaltitel ist. Johann Moritz Rugendas war eben der „Schatten“ des Forschers und die im vorliegenden Buch erzählte Geschichte ist eben mehr als "Eine Episode im Leben des Reisemalers" – wie das Buch im Original betitelt ist.
Die Figur des Malers ist wie gesagt keine Fiktion. Johann Moritz Rugendas war der letzte Spross einer angesehenen Augsburger Familie von sog. Schlachtenmalern, die für ihre jeweiligen Herrn, die Scharmützel der Schlachtfelder propagandistisch in Szene setzten. Gebroen1802, drohte ihn der Große Friede nach der Verbannung Napoleon (man kann auch Niederschlagung der Revolutionen und Restauration der alten Machtverhältnisse dazu sagen) brotlos zu machen. Da man ja aber essen muss, entschloss er sich dazu die Natur zu malen… das brachte ihm die Aufmerksamkeit Humboldts ein und er bekam von ihm einen attraktiven Job: Bildberichterstatter einer Brasilien-Expedition.
Dem jungen Künstler, der, über die Expedition hinaus, noch drei Jahre länger in Brasilien blieb und malte, brachte diese Reise Ruhm: Sein ab 1827 in Paris veröffentlichtes Bilderwerk "Voyage pittoresque dans le Brésil" begeisterte das Publikum. Alexander von Humboldt überzeugte den Maler ihn erneut zu begleiten, als er 1831 erneut nach Lateinamerika aufbrach. Von dieser Reise wiederum, kehrte Rugendas erst 1846 nach Augsburg zurück. In der Kunstgeschichte der deutschen Romantik gilt sein Werk so gut wie nichts, in der Lateinamerikanischen Malerei aber, ist er unter dem Namen Juan Mauricio Rugendas, sehr bekannt – ja geradezu berühmt – und hoch geachtet.
Für den deutschen Maler wird die Überquerung der Anden von Santiago de Chile nach Buenos Aires zu einer künstlerischen Entdeckungsreise UND zu einer persönlichen Katastrophe. Eines Tages gerät Rugendas in ein schreckliches Gewitter und er wird vom Blitz getroffen. Sein Fuß verfängt sich im Steigbügel und das erschreckte Pferd schleift ihn hinter sich her. In der Nähe von Mendoza kommt er in ein Krankenhaus und wird unter Morphium gesetzt. Rugendas – sein Gesicht wird sehr entstellt – kann seine Schmerzen nur unter dem ständigen Genuss von Drogen ertragen. Sein Gesicht verhüllt er fortan mit einer Mantilla.
Hier beginnt das Werk – fast unmerklich – aus der Gestalt der Schilderung ins Fiktive hinein zu gleiten und ehe man sich versieht, ist man in einen dieser „logischen und unmöglichen Entwürfe“ einbezogen, von denen Adolfo Bioy Casares sprach. Im Drogen-Rausch malt er weiter und schafft atemberaubende Bilder und vielleicht entspringt auch aus diesem Rausch sein morphiumverseuchter Wunsch, einmal einen Malon, einen Überfall auf die Siedlungen der Viehzüchter durch nomadisierende Indígenas, zu zeichnen. Tatsächlich erfüll sich sein Drogentraum und es gelingt ihm tatsächlich: Verkleidet in ein Frauenkostüm begibt er sich außerhalb der verbarrikadierten Höfe und skizziert in irrsinniger Geschwindigkeit galoppierende Gestalten…
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Ich muss zugeben, dass am Anfang des Buches zunächst nicht so recht wusste womit ich mich gerade beschäftigte; die kalkuliert kühle, sachbuchartige Beschreibung des Geschehens, die Einführung in die novelleske Situation, kostete mich etwas Kraft, aber mein Durchhalten wurde schließlich belohnt. Fast unmerklich verstrickte ich mich in die – auf sehr einfühlsamen Weise erzählte – Handlung und erlebte die Intensität der Sprache des Autors. Was mich zunächst nicht so recht ansprach, erwies sich als gekonnt konstruierter Spannungsbogen: Vom akkuraten Reisebericht, über das Essayistische, ins Phantastische.
„Humboldts Schatten“ ist eine raffinierte Novelle, die sehr detailreich, fast etwas zu unterkühlt erzählt ist. Fast könnte man auf das Gegenteil dessen was wir vor uns sehen kommen: Johann Moritz Rugendas, dessen Katalog 3353 Nummern enthält, gab es wirklich, aber man kann ihn – zumal als Lesender, ohne die entsprechenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Malerei – auch für frei erfunden halten. Dennoch sind die Anteile des Erfundenen sehr gering… doch auf das Hinzugedichtete kommt es in der Novelle bekanntlich an. An dieser Stelle sei auf das ergänzende Nachwort des Potsdamer Romanisten Ottmar Ette hingewiesen, das sehr erhellend über die Hintergründe des Werkes Auskunft gibt.
Immer noch verbinden die Lesenden hierzulande sehr oft Lateinamerikanische Literatur mit dem Magischen Realismus á la Gabriel Garcia Marquez oder Miguel Angel Asturias (auch hier bei Ciao vorgestellt), ohne zu realisieren, dass die nächste (und sogar schon die übernächste) Generation von Autorinnen und Autoren die Lateinamerikanische Literatur weiterentwickelt hat. CA ist ein Autor, den man getrost als Beispiel oder einer der anerkanntesten Autoren dieser Weiterentwicklung bezeichnen kann, der sich sprachlich von der barocken Erzählweise eines Alejo Carpentier (auch hier bei Ciao vorgestellt) eher in Richtung von Borges bewegt und in dieser auf das Wesentlichste reduzierten Sprache dennoch meisterlich erzählen kann. CA zeigt in „Humboldts Schatten“ ein hohes Niveau, das die Wahrnehmung aktueller Lateinamerikanischer Literatur hierzulande wesentlich bereichern kann. Der große mexikanischen Autor Carlos Fuentes (auch hierbei Ciao vorgestellt) schätzt CA über die Massen und prophezeit ihm den Literaturnobelpreis (aber auf den warten auch andere schon lange und Lateinamerika war ja erst 2010 dran).
Sieht man über den vielleicht missverständlichen Titel hinweg, der den Namen Humboldt ungebührlich hervor hebt, hat mich diese Novelle völlig überzeugt… auch wenn ich mich anfangs etwas auf die falsche Fährte gesetzt fühlte; mit romantischen Reiseberichten hat das Werk nichts gemein. Zum Schluss will ich noch auf das bewährte Deutungsmuster für Historische Literatur hinweisen, nach dem wer über vergangene Zeiten schreibt, in erster Linie über seine eigene Gegenwart spricht. Eingedenk dessen was ich über ihn in seiner Vorstellung schrieb, trifft das in besonderem Maße auf César Airas zu. Er vergleicht sich selbst mit den großen Klassikern und meint doch zu wissen, dass ihn heute kaum einer liest. Ich gehöre inzwischen gerne zu den Wenigen… und der leider viel zu früh verstorbene Roberto Bolaño (auch hier bei Ciao vorgestellt) gab zu Protokoll: Wer ein Buch von Aira gelesen hat, wird süchtig danach.


Wilfried John


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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1077 mal gelesen)
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Rezensionen: Noch eine Nacht
Rezensionen Anonymous schreibt "
Noch eine Nacht
Antonio Dal Masetto
267 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Rotpunktverlag – Aus 2006
ISBN: 3-8586-9309-9
19,80 €
Antiquarisch ab ca. 2,- €
Neulich regte ich mich über das Verhalten einer jungen Frau auf, die ganz offensichtlich nicht gelernt hat, einfachen, an sie gerichteten Erwartungen zu entsprechen. Nun, die Aufregung hielt nicht sehr lange an… und war dann ganz verschwunden, als mir ein Stichwort aus meiner Berufsausbildung wieder einfiel, über das ich schon damals in Streit geriet, weil ich es nicht so definierte, wie es von mir erwartet wurde: Abweichendes Verhalten.
Für die meisten meiner Kollegen war das einfach: Abweichendes Verhalten ist per se ein Verstoß gegen institutionelle oder auch allgemeine gesellschaftliche Normen. Punkt um. Damit waren die Ausbilder fertig mit dem Thema. Dass das Abweichende Verhalten aber auch als soziologisches Phänomen betrachtet werden kann, das für die Gesellschaft unentbehrlich ist und die andauernde Auseinandersetzung zwischen den Individuen und eben der Gesellschaft darstellt, das der sozialen Regulierung dient, ist ein unbequemer Gedanke.
In den ersten Jahren unserer Sozialisation, lernen wir „was man tut“ und „was man nicht tut“, also was gesellschaftlich konform bzw. nicht konform ist; trotzdem lernen wir in dieser Lebensphase auch das Lügen und in manchen Situationen handeln wir absichtlich gegen Normen. Es sind offenbar mehrere zusätzliche Kriterien erforderlich, um positives und negatives Abweichendes Verhalten zu unterscheiden; was dann unweigerlich in den Begriff Kriminalität mündet.
Als Abweichendes Verhalten wird in der Soziologie jenes Handeln von Personen oder Gruppen bezeichnet, das gegen die gültigen Normen und Verhaltenserwartungen verstößt und im Zuge der sozialen Kontrolle sanktioniert wird oder werden kann. Das bedeutet aber auch, dass es beim Fehlen einer übergeordneten Norm, keinen Verstoß dagegen geben kann. Dennoch gibt es auch ohne konkrete Normen Handlungen, die wir als Abweichendes Verhalten bezeichnen können, weil sie gesellschaftlich einfach als unanständig gelten; was außerdem noch variieren wird, da die gesellschaftliche Meinung über das was Unanständig ist keine Konstante ist, sondern – durch Abweichendes Verhalten von Individuen – Veränderungen unterliegt.
Noch deutlicher wird es, wenn gesellschaftlich mächtige Gruppen dafür sorgen, dass übergeordnete Normen zu ihren Gunsten oder zu Ungunsten anderer Gruppen verändert oder ganz aus der Rechtsetzung gestrichen werden. Wenn dann noch durch flächendeckende Desinformation erhebliche Verdeckung der Handlungen stattfindet oder etwa durch Beeinflussung der Sanktions-Behörden die Verfolgung ausbleibt, kann etwas als kriminell bezeichnet werden ohne, qua Norm, kriminell zu sein.
Ich bin ein Anhänger der Kritischen Kriminologie, die konstatiert, dass die Hauptursache für kriminelle Handlungen in den Ungleichheiten und Gegensätzen moderner Gesellschaften liegt. Somit wäre Abweichendes Verhalten nur dann negativ (und als kriminell zu bezeichnen), wenn es die gesellschaftlichen Ungleichheiten und Gegensätze konserviert oder gar verschärft und damit der Gesellschaft als Ganzem Schaden zufügt. An dieser Stelle fällt mir – auch eingedenk der Staatsbürgschaften für Banken – sofort Berthold Brecht ein, der meinte: Ein Banküberfall sei eine Unternehmung von Dilettanten, Profis gründeten eine Bank. Die Beute bleibt verschwunden.
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Um Abweichendes Verhalten und gesellschaftliche Normen, um Konventionen und sogar einen Bankraub geht es auch in dem Buch, das ich in dieser Besprechung vorstellen möchte: „Noch eine Nacht“ von Antoino Dal Masetto (ADM). Vielleicht werden einige der geneigten Leserinnen und Leser ein herzerweichendes „endlich“ stöhnen, wenn ich darauf verweise, dass es sich bei diesem Buch einmal mehr um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur handelt; genauer, um ein ausgezeichnetes Stück der Literatur aus Argentinien, das der sehr verdienstvolle Rotpunktverlag, in einer sehr ansprechenden und gut ausgestatteten Ausgabe vorlegte.
Wie nun schon in einer ganzen Reihe meiner Besprechungen, handelt es sich bei diesem Werk um ein Stück Kriminalliteratur und Antonio Dal Masetto gehört ebenfalls zu jenen Lateinamerikanischen Autoren, die – ich wiederhole mich – gerne das Genre des Kriminalromans benutzen, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss.
Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
Offenbar muss ich mich langsam von meiner Aussage distanzieren, dass ich im Allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser sei, da sich diese Form des Geschichten-Erzählens mehr und mehr in der aktuellen Lateinamerikanischen Literatur ausbreitet und ich als Leser zeitgenössischer Werke dieser Weltgegend, mittlerweile also öfter Krimis lese. Aber die Neueren Lateinamerikanischen Autoren repetieren nicht einfach die gängigen Krimiklischees, sondern sie machen aus dieser Form ebenso anspruchsvolle Literatur, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Der hier erstmalig vorzustellende Autor ist hierin keine Ausnahme.
***
Antonio Dal Masetto (ADM) wurde 1938 in Intra/Italien geboren. Seine Eltern waren Bauern und die ersten Jahre seines Lebens waren einfach und hart. Wie in dieser Zeit und in diesem sozialen Umfeld üblich, hatte er seinen Teil der Familienarbeit im Garten und im Weinberg zu leisten. Grundschule in einer strengen katholischen Schule und nach dem Unterricht Schafe und Ziegen hüten. 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der in Norditalien mit aller Schärfe ausgetragen wurde und viele Lebensgrundlagen zerstörte, wanderte die Familie – wie übrigens sehr viele Italiener – nach Argentinien aus.
Seine Familie ließ sich in Salto, einer Kleinstadt in der Provinz Buenos Aires, nieder, wo schon ein Onkel wohnte. ADM gab zu Protokoll, dass dies eine harte Zeit war und er sich in der Fremde, die nun seine Heimat sein sollte, wie ein Marsmensch vorkam. Die Sprache in der er später schreiben sollte, lernte er größtenteils aus Büchern, die er in der Stadtbibliothek eher zufällig auslieh und von der Sprache der Straße, was sich in seinem späteren Schreiben niederschlagen wird. Im Alter von 18 zog er nach Buenos Aires und wollte Schriftsteller werden.
Auch hier war das Leben hart und sein kümmerliches Brot verdiente sich ADM als Maurer, Maler, Eisverkäufer, Hausierer mit Haushaltswaren, Angestellter im öffentlichen Dienst und schließlich Journalist. Er traf in der Stadt aufstrebende Autoren wie Miguel Briante, Abelardo Castillo und Jorge Di Paola, mit denen gemeinsam er sich auf die Suche nach seiner Literatur machte und im Jahre 1964 fand sein erster Gedichtband „Sealing“ in der Casa de las Americas eine wohlwollende Erwähnung. Im selben Jahr heiratete er Maria Di Silvio und am 30. Juni 1965 wurde sein Sohn Mark geboren. Im Jahr 1969 veröffentlicht er seinen ersten Roman.
Über die dunklen Zeiten der Diktatur ist mir nichts bekannt; ich nehme an, dass es für ihn und seine Familie – 1976 wurde seine Tochter Daniela geboren – ums Überleben ging. Erst 1981 begann für ihn das Leben, das er sich gewünscht hatte und er konnte als Schriftsteller arbeiten. In rascher Folge erschienen nun Romane, die immer autobiographische Bezüge aufweisen. Für viele seiner Werke wurde er geehrt und mehrere seiner Romane wurden verfilmt – so auch der Roman, um den es in dieser Besprechung gehen soll. ADM ist noch immer Mitarbeiter bei der Zeitschrift „Pagina 12“
***
ADM legt auf den ersten beiden knappen Kapitel (Umfang drei Seiten) seines Romans die Stimmungen fest, die sich durch das ganze Werk ziehen werden: Die Gespanntheit von vier Männern, die mit einem schwarzen Peugeot unterwegs sind und – ganz im Gegensatz dazu – die öde Langeweile von drei Faulenzern, die – an einem glühend heißen Tag – im Schatten liegen und von warmem Wein schon leicht benommen, nichts weiter bemerken. In einer Kneipe nehmen die vier Männer ein Bier, prosten sich einander zu und wünschen sich gegenseitig eine baldige Rückkehr nach Hause.
Gleich darauf sehen wir den schwarzen Wagen mit Hauptstadtkennzeichen an den Faulenzern vorbeifahren, die ihm gerade so viel Aufmerksamkeit entgegen brachten, dass sie vier Männer im Auto bemerkten; mehr nicht. An diesem extrem heißen Tag kommen vier Männer, Carlos ("Cucurucho"), Ramiro, Dante und Jorge, in dem schwarzen Peugeot in das argentinische Dorf Bosque. Sie nehmen sich zwei Doppelzimmer im Hotel "España". Was die Männer in dem Dorf vorhaben, ob sie überhaupt etwas planten oder lediglich auf einer Ausfahrt zufällig hier her geraten sind, bleibt zunächst in der Schwebe.
Was beginnen mit dem angebrochenen Tag? Zwei der Vier wollen ausgehen. Ramiro stößt am Abend auf eine Feier mit einem Mann und einer Frau, die wie ein Brautpaar gekleidet sind. Aber es handelt sich nur um einen von dem Rechtsanwalt Varini angezettelten Spaß auf Kosten des Dorfdeppen Pedro. Der Anwalt holte am Nachmittag die Prostituierte Beatriz ins Dorf und redete Pedro ein, es sei dessen Braut. Ein derber Spaß, der ebenso derb erzählt wird, wie man es sich für ein Hinterwäldler-Dorf vorzustellen hat.
Jorge ist in einem Tanzlokal gelandet und tanzt mit Adriana, einer sehr attraktiven, jungen Frau; die Dorfschönheit, auf die es alle Typen abgesehen haben, ohne je eine Chance zu haben. Jorge aber macht Eindruck auf sie und sie macht Jorge lasziv an; sie verabreden sich und wollen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, getrennt gehen. Als Jorge geht, rempelt ihn ein Einheimischer an, dem es offenbar nicht gefällt, wenn ein Fremder mit dem begehrtesten Mädchen aus dem Dorf tanzt. Jorge lässt sich jedoch nicht provozieren, denn er will zu seiner Verabredung. Adriana nimmt ihn in ihrem Mercedes mit zu einem Park außerhalb des Dorfes, wo sie auf dem riesigen Anwesen ihres Vaters Garrido ein Nebengebäude bewohnt. Sie soll zwar im nächsten Monat heiraten, aber bis dahin sieht sie keinen Grund, auf eine Nacht mit einem aufregenden Mann zu verzichten.
Am nächsten Tag, kurz vor Dienstschluss, überfallen Dante, Ramiro und Cucurucho die Bank, während Jorge draußen im schwarzen Peugeot wartet. Sie bringen den Wachmann, die Angestellten und Kunden in einen Nebenraum und knebeln und fesseln sie, dann zwingen sie den Filialleiter Fernández, den Tresor zu öffnen. Währenddessen sieht Jorge einen Polizisten auf der Straße vor der Bank; es ist jener Mann, der ihn am Abend zuvor angerempelt hatte. Er hofft, dass seine Komplizen nicht gerade jetzt herauskommen. Aber da tauchen sie auf und rennen mit der Beute zum Auto. Jorge rast los. Der Polizist schießt und trifft einen Hinterreifen.
Die vier Bankräuber lassen das Auto stehen, laufen mit der Beute zu einem geparkten Wagen, schlagen ein Seitenfenster ein, kriegen den Motor aber nicht gestartet. Ein anderes Auto nähert sich. Sie ziehen ihre Pistolen und halten das Auto an. Sie zerren den Fahrer, einen alten Mann, aus dem Auto und wollen flüchten. Aber zwei querstehende Autos blockieren die Ausfallstraße. Sie wenden, um auf der anderen Seite das Dorf zu verlassen, aber da steht ein Lastwagen im Weg. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu Fuß zu fliehen.
Sie rennen in ein Haus hinein und durch eine Hintertür wieder hinaus. Zufällig handelt es sich um die Villa des oben erwähnten fiesen Rechtsanwalts. Die Frau des Rechtsanwalts schreit hysterisch um Hilfe und ihr Mann stürzt ins Haus. Anstatt die Frau, die mindestens zehn Jahre älter ist als er, froh über den Beistand ist, keift sie jedoch ihren Mann an und will wissen, mit welcher Schlampe er die Nacht verbracht hätte; offenbar war ein solcher Spaß wie mit der Prostituierten Beatriz kein Einzelfall. Der Anwalt nutzt die Gelegenheit, ersticht seine keifende Frau und rennt schreiend – die Bankräuber hätten seine Frau ermordet – auf die Straße.
Das ganze Dorf erwacht aus seiner Lethargie. Bald sind alle Bewohner auf den Beinen und aus einer anfangs unorganisierten Verfolgung wird bald eine organisierte blutrünstige Jagd… an deren Ende die Leichen der vier Bankräuber zum Polizeirevier gebracht werden. Die Beute aber bleibt verschwunden.
***
Wie ich oben schon schrieb, ist "Noch eine Nacht" von ADM vordergründig offensichtlich ein Kriminalroman; manchmal kamen mir sogar Bilder wie aus einem Italo-Western in den Sinn. Im Hintergrund ist der Roman aber mehr und ADM lässt den Krimi eine Milieustudie, eine Gesellschaftssatire transportieren, die oft den Krimi-Plot hinter sich lässt. Es geht um Fremdenhass, die Doppelmoral der Honoratioren, die Biederkeit der Dorfbewohner, die zum blutrünstigen Mob werden. Es geht aber auch um das moralische Verhalten der Außenseiter und darum, dass man vorher nicht sagen kann, wer gut und wer böse ist.
ADM verzichtet auf die Charakterisierung seiner Figuren und lässt die Ereignisse in "Noch eine Nacht" einfach geschehen, ohne auf das Woher und Warum einzugehen; darauf kommt es ihm offensichtlich auch nicht an. Die Wirkung des Romans ergibt sich aus der dicht erzählten düsteren Atmosphäre, die einfache, fast emotionslose Sprache und den holzschnittartig skizzierten Plot, der in zweiundvierzig knappen Kapiteln entwickelt und schnörkellos vorwärts getrieben wird.
Nun habe ich schon oft zu Protokoll gegeben, dass ich mich eigentlich nicht als den typischen Krimi-Leser sehe und so habe ich nicht den rechten Überblick darüber, was an Erzählweise in Krimis üblich oder unüblich ist. Wie dem auch sei, ich gehe davon aus, dass die übliche Erzählweise je ist, die verschiedene Handlungsfäden im Verlauf eines Romans oder Films zusammengeführt und auf einen wie auch immer gearteten Höhepunkt zutreibt. ADM macht das in "Noch eine Nacht" eher umgekehrt: Zu Beginn des Romans ist eine Situation konstatiert und im Verlauf des Romans zerfasern die Handlungsfäden mehr und mehr… aus den Gruppen werden Einzelne, aus gemeinsamen Interessen werden Einzelschicksale.
Wenn ich oben sagte, dass ich mitunter Bilder eines Italo-Western im Kopf hatte, hängt das wohl daran, dass schon der Roman viel von einem Drehbuch hat und der Autor sein dramaturgisches Handwerk versteht; er besitzt eine grandiose Sicherheit dafür, den Verlauf der Geschichte an den richtigen Stellen vorwärts zu treiben oder aber eben zu verharren. Folgerichtig ist dieser Roman auch erfolgreich verfilmt vom Regisseur Jorge Polaco unter dem Originaltitel des Romans „Siempre es difícil volver a casa“ verfilmt worden.
"Noch eine Nacht" hat einfach alles, was man sich von guter Unterhaltung erwartet: Knappe aber präzise Schilderung menschlicher Abgründe, überraschende – in die Erzählung eingebettete – Einschübe, Humor und Komik (mal feiner und mal derbe) und eine gehörige Portion Erotik; Jorges Nacht mit Adriana knistert geradezu davon und ist köstlich zu lesen. Obwohl man das Ende von Anfang an ahnt, ist der Roman obendrein spannend bis zum Schluss.
Wäre man im Rotpunktverlag so klug gewesen und hätte darauf verzichtet, dem Werk unbedingt einen anderen Titel zu geben, hätte der Verlag auch die Pointe des Romans nicht verdorben, die im Originaltitel steckt: „Siempre es difícil volver a casa“; deutsch: Es ist immer schwer nachhause zu kommen… der auf der ersten Seite ausgesprochene Wunsch der vier Männer ging nicht in Erfüllung. Zum Schluss noch eine Bemerkung zu diesem Buch, die als Besprechung eben in jener Zeitschrift PAGINA/12 abgedruckt war, bei der ADM mitarbeitet und die das Werk einzigartig zusammenfasst: „Eine furchtbare Geschichte, großartig erzählt.“
Wilfried John
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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1091 mal gelesen)
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Der Flug der Königin
Rezensionen Anonymous schreibt "

Der Flug der Königin

Tomás Eloy Martínez
282 Seiten –Gebundenes Buch
Verlag: Suhrkamp – Aus 2003
ISBN: 3-5184-1474-7
22,90 Euro
Antiquarisch billiger

Journalismus. Zurzeit läuft wieder einmal die Einreichungsfrist für den seltsamer- und natürlich bedauerlicherweise recht wenig beachteten Siebenpfeiffer-Preis. Dass dieser Preis so unbekannt ist, mag daran liegen, dass er einem blank geputzten Spiegel gleicht, in den unsere Gesellschaft – würde sie den Preis beachten – hinein blicken müsste. Erklärte Absicht der Siebenpfeiffer-Stiftung ist es nämlich, Menschen, die in ihrem Engagement für eine demokratische Gesellschaft – nicht selten – selbst persönliche Opfer und Risiken eingingen, in Erinnerung zu rufen und ihren Einsatz in unserem Bewusstsein fest zu verankern; unter anderem mit der Vergabe dieses Preises, mit dem in regelmäßigen Abständen Journalisten ausgezeichnet werden, die sich heute für freiheitliche, demokratische Errungenschaften und Ideen engagieren.
Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der Hauptinitiatoren des Hambacher Festes, war zwischen 1818 und 1830 erster Landcommissär des ehemaligen Landkreises Homburg. Er hatte sich, nachdem seine Reformvorschläge zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen bei Regierung und bayerischem König kein Gehör fanden, des Mediums der Presse bedient, um demokratische Defizite in der Gesetzgebung, Rechtspflege und Verwaltung anzuprangern. Dieses journalistische Engagement kostete ihn sein Amt, seine soziale Sicherheit und später seine Freiheit. Pressefreiheit war für ihn unabdingbare Voraussetzung jedweder freiheitlichen Verfassung: "Die Presse muss notwendig frei, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, dass sie die Presse knebelt."
Neulich staunte ich nicht schlecht, als ich in einer sog. Nachrichtensendung im TV eine geschlossene Krankenhaustür abgefilmt sah, weil da ein Mitglied einer Adelsfamilie Nachwuchs erwartete. Hier hört das Ärgernis leider nicht auf. Schaue ich mir die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen Sender an, die per Rundfunk-Staatsvertrag mit einem Bildungsauftrag und viel Geld ausgestattet sind, könnte ich mir die Haare raufen. Welches allgemeine Interesse liegt vor, das den journalistischen Machern der Sendung aufgibt mir zu melden, dass der Chef von Siemens aufhört? Und warum müssen sich 90 % der Deutschen (die keine Aktien besitzen) jeden Abend die Börsenkurse und die verquasten Kommentare anhören, warum sie gestiegen oder gefallen sind? Die Sendungen werden von Menschen gemacht, welche die Berufsbezeichnung Journalistin oder Journalist führen. Was haben diese Beispiele vergeudeter Sendezeit bitte mit Journalismus zu tun?
Schaut man sich nur die Themenliste der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen
an, die sich weltweit aktiv für Meinungs- und Pressefreiheit, für verfolgte Journalistinnen und Journalisten und für freie Medien einsetzt, dann bekommt man eine Ahnung davon, mit welch wichtigen Themen man sinnvoll die Sendezeiten füllen könnte: Kampf gegen Internetzensur, Netzneutralität, Digitaler Quellenschutz, Exportkontrolle für Überwachungstechnologie, Pressefreiheit in Quasi-Öffentlichen Räumen. Stattdessen bekommen wir „Wasserstandsmeldungen“ aus dem Kreissaal eines Londoner Krankenhauses…
Das ist kein Journalismus… das ist, was man entweder spöttisch, hämisch oder gar bösartig, Journaille nennt. Ursprünglich ist der Begriff Journaille ein französisches Wort für die verantwortungslose, sensationshungrige Tagespresse, das aber leider nicht nur in Frankreich vielfältige Verwendungsmöglichkeiten findet und deshalb auch bei uns gebräuchlich ist. Das Wort entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und geht auf das Wort Kanaille zurück, das wiederum, aus der lateinischen Wurzel „canis“ (Hund) wuchs. Journaille ist also das Synonym für unlautere, korrupte oder lügende Journalisten (und damit meine ich keineswegs nur die Skandal-Journalisten der sog. Regenbogen-Presse), und dafür verantwortlich, dass eine ganze Berufsgruppe in Verruf gerät…
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In dem hier vorzustellenden Buch geht es um solche und solche Journalisten, um Verschleierung und Überlagerung wichtiger Nachrichten-Themen und um skrupellose Geschäftemacherei... es geht um Einflussnahme auf Medien und persönliche Verstrickungen von Medienmachern. Auch wenn am Ende des Werkes in einer Schlussbemerkung des Autors zu lesen ist: „Sämtliche Personen und Orte dieses Romans, auch die, die der Wirklichkeit entnommen scheinen, gehören in den Bereich der Fiktion. Sie anders zu lesen würde ihrem Charakter Gewalt antun.“, zeichnet Tomás Eloy Martínez (kurz TEM) mit „Der Flug der Königin“ zwar ein grelles Porträt der argentinischen Gesellschaft, das sich aber ohne weiteres auf (auch europäische) Gesellschaften übertragen lässt, denn der Roman ist das Werk eines Mannes, der von sich selbst zu Protokoll gibt: „mit meinen Texten bin ich Chronist meines Landes.“
Der vor wenigen Jahren verstorbene Schriftsteller war ein Aufklärer im Sinne der Einleitung dieser Besprechung. TEM war in seinem Heimatland Argentinien eine Institution gegen das Vergessen. Er war ein erklärter Gegner all der Vertuscher, Verleugner, Relativierer der Argentinischen Geschichte, wie sie hierzulande natürlich nirgends zu finden sind. Aber während hier kein Journalist um sein Leben bangen muss oder wegen seiner veröffentlichten (oder auch seiner nur vermuteten) Meinung ins Gefängnis gesperrt wird, sieht es in der Weltgegend aus welcher der Autor stammt völlig anders aus (siehe Anhang *1). So interessant diese Zusammenhänge auch sein mögen, sie sind nicht kennzeichnend für diesen Roman, der – und so verstehe ich die Schlussbemerkung des Autors – bestimmt kein medienpolitisches Sachbuch ist, sondern ein mitreißende Geschichte einer Obsession.
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Zur ausführlichen Vorstellung des Autors möchte ich auf meine Ciao-Besprechung des Romans „Der Tangosänger“ verweisen, die ich damals quasi als Nachruf schrieb. Hier an dieser Stelle verwende ich diese biographischen Ausführungen auszugsweise: TEM wurde am 16. Juli 1934 San Miguel de Tucuman/Argentinien geboren. TEM stammt aus einfachen Verhältnissen; seine Kindheit verlief wohl entsprechend. Er war ein guter Schüler und schon im Jugendalter begann er damit, die ersten eigenen Texte zu verfassen.
TEM studierte an der Universität von Tucuman Literaturwissenschaft und erlangte mit einer Arbeit über spanische und lateinamerikanische Literatur sein Diplom. Beruflich wandte es sich schon früh dem Journalismus zu und wurde zunächst 1957 – 1961 Filmkritiker für die Tageszeitung La Nación in Buenos Aires. Aber schon von 1962 an, bis ins Jahr 1969, war er Chefredakteur der Wochenzeitung Primera Plana. Von 1969 bis 1970 arbeitete er als Reporter in Paris.(wo er, quasi ganz nebenbei, zusätzlich einen MA in Literatur an der Universität in Paris machte). Ab 1970 war TEM Leiter der Kulturredaktion der Zeitschrift Panorama, wo er mit vielen Schriftstellern Kontakt hatte und was seine Lust am eigenen Schreiben beförderte.
Sich als Journalist von der Politik fernzuhalten ist nicht leicht, sich zu der Zeit in Argentinien von der Politik fernzuhalten war kaum möglich. Während der Diktatur unter Peron wurde er verboten, während der Militärdiktatur sogar verbrannt (vielleicht von jenen, die sich an den 10.Mai 1033 in Deutschland noch gut erinnern konnten?). Die Junta setzte ihre Killerkommandos auf TEM an; er floh 1975 ins Exil nach Caracas/Venezuela, später ab 1983 dann nach Mexiko. Überall wirkte der leidenschaftliche Publizist als Herausgeber und manchmal sogar als Gründer neuer Zeitungen, Zeitschriften oder Kulturbeilagen.
Neben seiner journalistischen und literarischen Karriere, hat TEM eine umfangreiche akademische Karriere gemacht. Er gab Vorlesungen und Kurse an führenden Universitäten in Europa, Nord- und Südamerika und wurde Professor an der University of Maryland (1984-1987). Seit Juli 1995 war er Professor an der Rutgers University in New Jersey und Leiter der Latin American Studies Program an der dortigen Universität. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität John F. Kennedy de Buenos Aires und der Universität von Tucuman.
Natürlich arbeitete TEM auch weiterhin als Autor; unter anderem schrieb er auch zehn Drehbücher, drei davon in Zusammenarbeit mit dem paraguayischen Schriftsteller Augusto Roa Bastos und weitere Romane. 2002 erhielt er den begehrten International Alfaguara Novel-Preis für seinen Roman „Der Flug der Königin“. TEM starb am 31. Januar 2010.
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In „Der Flug der Königin“ gibt es eigentlich gleich zwei Anfänge: Ein Mann beobachtet jeden Abend eine Frau in der Wohnung gegenüber. Seine Obsession geht so weit, dass er ein Teleskop aufstellt, um sie bis ins Detail zu studieren. Schließlich ist dem Mann das Dasein des Voyeurs nicht mehr genug und er bricht in ihre Wohnung ein. Doch auch das Wühlen in ihrer Wäsche reicht ihm nicht. Mit einem Betäubungsmittel in ihrem Orangensaft schaltet er ihren freien Willen aus. Mit einer im Schlafzimmer platzierten Kamera – so kommt er sich vor – herrscht er nun uneingeschränkt über sie…wenn auch auf der Videoleinwand. Zur selben Zeit, einige Straßen weiter, recherchiert der Chefredakteur einer der großen argentinischen Tageszeitungen namens Camargo, in einer Korruptionsaffäre im Umkreis des Präsidenten.
Dr. Camargo ist bekannt, gefürchtet und beruflich talentiert… was er ans Licht der Öffentlichkeit bringt hat Klasse und Wirkung. Um von seinem Fall abzulenken, gibt der Präsident vor, Gott persönlich sei ihm erschienen. Kirche und Bevölkerung sind hingerissen, und von Camargos Enthüllungen will niemand mehr was wissen. Aber wie im richtigen Leben, die Wahrheit kommt schließlich ans Licht. Eine bibelfeste junge Journalistin namens Reina (spanisch für Königin) entlarvt den Schwindel und schlägt den Lügner mit den eignen Waffen. Sie wiederlegt die Lüge mit nichts anderem als einer Lüge; wenngleich auch einer frommen: Laut der Bibel, ist die Wiederkunft des Herrn dem Jüngsten Tag vorbehalten!
Das Debakel des Präsidenten, ist der Triumph der jungen Journalistin und während der Präsident politisch in den freien Fall übergeht, setzt Reina zu einem beruflichen Höhenflug an. Camargo fördert ihre Karriere und sie wird schnell zur bestbezahlten Redakteurin des Blattes – und schließlich zur Geliebten ihres Chefs. Keiner scheint den (Höhen-)Flug der Reina aufhalten zu können. Doch der Chefredakteur ist auch ein von den Gespenstern seiner Vergangenheit Getriebener… er ist ein Kontroll-Freak. Immer intensiver versucht er Reina in seinen Bann zu ziehen, sie dabei in jeder Hinsicht zu kontrollieren und wenn es darum geht alles im Griff zu behalten, kennt er keine Skrupel. Der Zweck heiligt seine Mittel und er, der Machtmissbrauch anprangert, missbraucht seine Macht als Chef.
Die graue Maus mutiert zur Karrierefrau, aber sie hält es an der Seite ihres Mentors nicht lange aus. Da ist plötzlich dieser junge kolumbianische Journalist… und sie verliebt sich in ihn. Beim Versuch sich von Camargo zu trennen, rastet der Macho regelrecht aus und er beginnt Reina perfide zu mobben. Sein hirnverbrannter Macho-Plan: Er will Reina zerstören, um sich ihr anschließend gönnerhaft zuwenden zu können. Ob seine perfide Strategie aufgeht oder nicht, ob das schiller´sche Wort „es ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, Böses muss gebären“ zutrifft oder ob sich vielleicht doch alles zum Happyend wendet, erfahren die Lesenden wirklich erst auf den letzten Seiten des Romans...!
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Nun, vielleicht ist das vordergründige Thema nicht das originellste, aber die Wut und Rachsucht eines verlassenen Machos wird von TEM effektvoll in Szene gesetzt; vielleicht half ihm dabei die langjährige Erfahrung als Filmkritiker, der mit Erzähltechniken des Kinos vertraut ist. Aber ich möchte natürlich nicht behaupten, dass es sich schon um eines seiner Drehbücher handelt. Ebenso wenig wie ich TEM auf seine journalistische Tätigkeit festlegen möchte, die sicher einiges zu diesem Roman beigetragen hat; der Journalismus, mit der Verpflichtung zur Wahrheit, blieb für ihn immer Brotberuf.
So finden sich neben der beschriebenen Rahmenhandlung, handfeste Themen, um die sich Journalisten nun mal kümmern sollen; z.B. die vielen Facetten von Korruption seitens der sog. Politischen Elite und den Auswirkungen auf die Gesellschaft. Besonders wichtig – aus meiner Sicht – nicht nur für den Roman: TEM spricht über die Mittel, mit denen das Volk durch die herrschende Klasse manipuliert wird; besonders beliebt: das gläubige Volk vor scheinbar Religiöse Karren spannen. Und dennoch ist das Werk ein unterhaltsamer Roman und kein Politisches Manifest. TEM gibt zu Protokoll, dass „der Roman hingegen in erster Linie eine Parabel für Begierde und - über die Macht“ ist.
Neben den effektvoll eingesetzten Elementen des Krimis, ist eine Besonderheit des Romans zeigt sich in der Erzählweise, in der fortwährend die Duplizität von Ereignissen oder Personen gezeigt wird. Natürlich kann man das als bloße ästhetische Spielerei annehmen oder abtun. Man kann aber auch vermuten, dass der Journalist im Schriftsteller durch diese Erzählweise zeigen wollte, dass das was sich im Roman ereignet, gleichzeitig überall und immer wieder geschehen kann. Ein empfehlenswerter Roman, eines bemerkenswerten Schriftstellers!

Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1015 mal gelesen)
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Rezensionen: Eduardo Galeano – Die Zeit spricht
Rezensionen

Titel: Die Gegenwart dauert drei Sekunden

Pro:  Berührend, bedrückend, überzeugend und dennoch poetisch

Contra: Man muss sich zwingen, den Lesefluss zu unterbrechen

Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 03. Januar 2013 (1503 mal gelesen)
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